Issue 28.3 - November 2018

Auf die Ernährung kommt es an

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Rasse- und ernährungsassoziierte Erkrankungen bei Hunden

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Vitamin D und die Gesundheit des Hundes

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Ernährungsverhalten bei Katzen

Wir alle müssen Nahrung aufnehmen, um zu überleben. Für Menschen kann das Essen jedoch sehr viel mehr sein als eine täglich zu erfüllende Aufgabe. Unsere Mahlzeiten erlauben uns, Ruhe und Entspannung zu finden und unsere Nahrung zusammen mit Freunden oder der Familie zu genießen. Für die Katze hat die Nahrungsaufnahme aber nicht dieselbe Bedeutung, wie uns Jon Bowen erläutert.

Einleitung

Empathie ist die Wurzel jeder Haltung von Kleintieren. Die Empfindung einer gemeinsamen emotionalen Erfahrung ist nicht nur die Basis der Mensch-Tier-Bindung, sondern auch der Ursprung ihrer zentralen Vorteile für den Tierhalter. Einem jüngsten wissenschaftlich belegten Statement der American Heart Association zufolge ist die Haltung von Kleintieren stark mit einer Reihe kardiovaskulärer Gesundheitsvorteile für Menschen assoziiert, wobei aber auch die Qualität der Mensch-Tier-Bindung eine Rolle spielt und nicht nur die bloße Anwesenheit eines Kleintieres im Haushalt ( 1 ).

Trotz der bislang eher begrenzten wissenschaftlichen Forschung auf diesem Gebiet weisen zunehmend mehr Evidenzen darauf hin, dass sich Tiere mit Verhaltensproblemen auch negativ auf die Lebensweise und das Wohlbefinden ihrer Halter auswirken könnten. So fand zum Beispiel eine Studie über Hundehalter heraus, dass sowohl gravierende Verhaltensprobleme (z. B. Aggression und Trennungsangst) als auch eher geringfügigere Verhaltensprobleme (z. B. an der Leine ziehen und Ruhelosigkeit) einen signifikanten Einfluss auf den Lebensstil der Halter und ihre Zufriedenheit mit der Tierhaltung insgesamt haben können ( 2 ). Ähnliche Auswirkungen auf die Lebensweise und die Zufriedenheit von Haltern würde man auch bei Katzen erwarten, die unsozial oder destruktiv sind oder Unsauberkeitsprobleme in der Wohnung zeigen.

Abbildung 1. Das Füttern ist für den Menschen ein primäres Mittel, um seine Zuneigung und Fürsorge für Tiere zum Ausdruck zu bringen.
© Shutterstock

Kleintiere bieten ihren Haltern die Gelegenheit, emotionale Zuwendung von einem unvoreingenommenen Individuum zu empfangen, aber umgekehrt auch das menschliche Bedürfnis auszuleben, sich um ein anderes Individuum zu kümmern. Als Ausdruck von Empathie bietet sowohl das Geben als auch das Empfangen von Zuwendung und Fürsorge einen ähnlich positiven emotionalen Gewinn für Menschen, wobei das Anbieten von Nahrung ein primäres Mittel des Ausdrucks von Zuwendung und Fürsorge von Seiten des Menschen ist ( 3 ). Für einige Menschen, und insbesondere für einige Katzenhalter, sind also das Füttern und das Beobachten der Nahrungsaufnahme sehr wichtige Aspekte des Ausdrucks ihrer Zuwendung. Für Menschen, die täglich über längere Zeit außer Haus sind – bei der Arbeit oder aus anderen Gründen –, stellt das Füttern unter Umständen sogar den Hauptkontakt mit ihrem Tier dar ( Abbildung 1 ).

Diese Interaktion funktioniert perfekt bei einer Tierart wie dem Hund, für den die Nahrungsaufnahme eine wichtige soziale Aktivität ist und der sich bei der Häufigkeit der Mahlzeiten durch eine hohe Flexibilität auszeichnet. Hunde passen sich sehr leicht an eine, zwei oder drei tägliche Mahlzeiten an, sie zeigen ihre Freude, wenn sie Futter bekommen und akzeptieren Restriktionen bezüglich des Zeitpunktes der Fütterung und bezüglich dessen, was sie zu fressen bekommen in der Regel problemlos. Katzen fällt es aufgrund ihres natürlichen Jagd- und Ernährungsverhaltens dagegen sehr schwer, sich an die Versuche des Menschen, seine Zuneigung zum Tier über die Fütterung zu zeigen, anzupassen oder ihre Freude über die erhaltene Nahrung so zum Ausdruck zu bringen, wie das der Mensch möglicherweise erwartet ( Abbildung 2 ). Wie wir sehen werden, kann diese Diskrepanz zwischen Katzen und Menschen bezüglich der Ernährungsmotivation und des Ernährungsverhaltens zur Entstehung von Verhaltensproblemen führen, die die Lebensweise des Halters beeinträchtigen und letztlich auch die Mensch-Tier-Bindung beschädigen.

Was ist normales Jagd- und Ernährungsverhalten?

In freier Wildbahn fressen Katzen unter der Voraussetzung eines freien Zugangs zu Nahrung in der Regel Tag und Nacht über eine 24-Stunden-Periode ( 4 ). Dabei können sie bis zu 20 Mahlzeiten über den Tag und die Nacht verteilt aufnehmen ( 5 ). Es scheint diesbezüglich aber Unterschiede zwischen verschiedenen Katzenrassen zu geben. So zeigt beispielsweise eine kleine Studie bei Bengal-Katzen eine höhere durchschnittliche Mahlzeitenfrequenz als bei Kurzhaarhauskatzen ( 6 ).

Abbildung 2. Die Aktivitäts- und Ernährungsmuster von Katzen und Menschen unterscheiden sich signifikant.
© Jon Bowen

Bei streunenden Katzen hängt die Mahlzeitenfrequenz in erster Linie von der Verfügbarkeit von Nahrung und dem Jagderfolg ab und damit letztlich von der Verfügbarkeit von Beutetieren. Innerhalb ihres Territoriums suchen Katzen regelmäßig bestimmte Jagdgebiete auf, insbesondere zu Zeiten, in denen ihre Beute mit höherer Wahrscheinlichkeit aktiv ist oder besonders leicht zu fangen ist. Dies bedeutet, dass Katzen im typischen Fall vorwiegend in der Morgendämmerung und in der Abenddämmerung jagen, aber auch nachts, wenn zum Beispiel schlafende Vögel leichter zu erbeuten sind. Aufgrund ihres optimal an lichtarme Bedingungen adaptierten visuellen Systems haben Katzen zudem Schwierigkeiten, helles Sonnenlicht zu tolerieren, sodass sie an sonnigen Tagen unter Umständen weniger aktiv sind. Bei den üblichen Beutetieren der Katze handelt es sich um kleine Wirbeltiere und wirbellose Tiere ( 7 ). Da aber jeder Fang lediglich eine kleine, kompakte Mahlzeit darstellt, die nur Energie für die Aktivität weniger Stunden liefert, spielt die Sättigung bei der Regulation des Jagens oder der Nahrungsaufnahme eine minimale Rolle. Nach einer erfolgten Mahlzeit muss die Katze schnell wieder jagen, um sich die nächste Mahlzeit zu sichern. Aufgrund ihres geringen Magenvolumens nehmen Katzen in der Regel keine großen Mahlzeiten auf.

Abbildung 3. Bei der Jagd nimmt die Katze eine kauernde Position ein, um sich selbst weniger sichtbar zu machen, und schließlich einen opportunistischen Angriff auf die Beute zu starten.
© Shutterstock

In jedem ihrer Jagdgebiete sucht die Katze nach entsprechenden Gerüchen und Anzeichen von Veränderungen, die darauf hinweisen könnten, dass Beutetiere vor kurzem in diesem Areal aktiv waren. Dann begibt sie sich an einen geeigneten Ort in der Nähe, von dem aus sie einen Angriff innerhalb des gewählten Areals, in dem die Beute am wahrscheinlichsten auftauchen wird, optimal lancieren kann. Die Katze wartet nun in dieser Position zehn, zwanzig oder auch dreißig Minuten, bevor sie den Standort wechselt. Ausgelöst wird das Beuteverhalten bei Katzen aber auch durch hohe Töne und sich schnell bewegende Gegenstände in der Größe ihrer üblichen Beutetiere. Nimmt die Katze entsprechende akustische oder optische Reize wahr, verharrt sie, nimmt eine kauernde Position ein, um sich selbst weniger sichtbar zu machen, lokalisiert die Beute, wartet, bis sich die Beute nähert (oder nähert sich dieser vorsichtig an), um schließlich einen opportunistischen Angriff auf die Beute zu starten ( Abbildung 3 ). Wenn sie stattfinden, sind solche Angriffe schnell und kurz und reichen lediglich über kurze Distanzen einiger weniger Körperlängen.

Da Katzen bei Entfernungen unter 15-20 cm eine geringere Sehschärfe haben, sind sie in der finalen Phase des Angriffs auf eine Beute von ihren Tasthaaren und der taktilen Sensibilität im Bereich ihrer Maulhöhle abhängig. Sobald die Katze ihre Beute festhält, steht der Beißdruck (Kieferschließdruck) unter der Kontrolle lokaler Reflexe, sodass die Katze automatisch mit höherem Druck zubeißt, wenn sich die Beute in ihrem Maul bewegt. Dies ist einer der Gründe, warum Katzenbisse für den Halter so schmerzhaft sein können und warum die Aktivierung zum Spielen bei dieser Spezies nach Möglichkeit nicht mit Händen und Füßen erfolgen sollte.

Das Jagd- und Beutefangverhalten von Katzen ist gekennzeichnet durch zahlreiche Ortswechsel zwischen verschiedenen Jagdgebieten, intensivem Herumstöbern und geduldigem Warten. Nach erfolgtem Schlagen der Beute trägt die Katze ihren Fang in der Regel zurück in ihr Kernterritorium, um sie dort in „privater“ Umgebung zu verzehren. Für Hauskatzen kann dies bedeuten, dass sie erlegte Beute nach Hause bringen, da sie sich hier sicherer fühlen und besser entspannen können. Dieses Verhalten bedeutet aber nicht, dass die Beute ein „Geschenk“ für den Halter sein soll oder dass die Katze mit ihrem Futter unzufrieden ist. Aus demselben Grund nehmen einige Katzen kleine Portionen ihres Futters aus ihrem Napf, um es an einem anderen Ort zu verzehren, an dem sie mehr „Privatsphäre“ bei der Nahrungsaufnahme empfinden. Katzenhalter sollten ein solches Verhalten als Hinweis auf eine für diese Katze falsche Positionierung des Futternapfes in der Wohnung verstehen oder aber als Anzeichen für Frustration der Katze darüber, dass sie einen einzigen Futternapf mit anderen im Haushalt lebenden Katzen teilen muss. Frei laufende Katzen neigen dazu, ihre Toilettenbereiche, ihre Jagdgebiete und ihre Ruheareale räumlich voneinander zu trennen. In einem Haushalt liegen diese sensiblen Bereiche nicht selten zu nahe beieinander. Auch dies kann dazu führen, dass Katzen nicht aus ihrem dafür vorgesehenen Napf fressen möchten. Der Tierarzt sollte Katzenhalter daher dahingehend beraten, Futternäpfe und Katzentoiletten, wo immer dies möglich ist, in einem geeigneten räumlichen Abstand aufzustellen.

Jon Bowen„Aufgrund ihres Jagd- und Ernährungsverhaltens fällt es Katzen sehr schwer, sich an Versuche des Menschen, seine Zuneigung über die Fütterung zu zeigen, anzupassen oder ihre Freude über die erhaltene Nahrung zum Ausdruck zu bringen.“Jon Bowen

Größere, potenziell gefährlichere Beutetiere werden von Katzen oft unmittelbar nach dem Ergreifen getötet mit Hilfe eines tödlichen Bisses, der die Halswirbelsäule durchtrennt. Anschließend wird das Fleisch des Beutetieres mit Hilfe der Reißzähne von der Karkasse getrennt ( 4 ). Ist die Katze nicht hungrig und die Beute ausreichend klein, kann sie das Beutetier noch einige Zeit am Leben lassen, um das Beutefangverhalten zu trainieren. Bei kleinen Säugetieren verzehren Katzen im typischen Fall zuerst den Kopf und gehen dann zum Rumpf und zu den Gliedmaßen über. Katzen nehmen sich in der Regel die erforderliche Zeit, ihre Beute in gut verdauliche Fragmente zu zerkauen und verzehren unter Umständen nicht das gesamte Tier unmittelbar. Ihr Ziel ist es, den Energiespeicher wieder aufzufüllen, um dann erneut zu jagen oder sich anderen Verhaltensweisen zu widmen. Weniger schmackhafte Teile des Beutetierkörpers, wie zum Beispiel der Darm, werden unter Umständen gar nicht gefressen. Fängt die Katze einen Überschuss, kann sie einige Beutetiere durch Vergraben in trockener Erde oder Laub verstecken. Dieses Verhalten dient der Anlage vorübergehender Nahrungslager über wenige Stunden und kann eine Erklärung dafür sein, warum einige Katzen nach der Nahrungsaufnahme ein gewisses „Grabverhalten“ rund um ihren Futternapf an den Tag legen.

Welche Geschmacksrichtungen mögen Katzen?

Wie andere Karnivoren haben Katzen einige wichtige Geschmackssinne verloren ( 8 ) und sind beispielsweise nicht in der Lage, die Geschmacksrichtungen „süß“ und „salzig“ wahrzunehmen ( 9 ). Dafür besitzen Katzen aber eine stärkere Sensitivität für den Geschmack von Aminosäuren und Nukleotiden. Tendenziell verschmähen Katzen den Geschmack bestimmter Aminosäuren (z. B. L-Tryptophan, das von Menschen als bitterer Geschmack empfunden wird) und werden vom Geschmack anderer Aminosäuren angezogen (z. B. L-Glycin). Katzenhalter berichten gelegentlich, dass ihre Katzen salzige Produkte wie Nüsse oder Chips sowie süße Produkte wie Kuchen oder Kekse attraktiv finden. Wahrscheinlich liegt dies aber an dem subtilen Aminosäurengeschmack dieser Produkte, den wir Menschen gar nicht wahrnehmen, da unsere Sensitivität für die Geschmacksrichtungen „salzig“ oder „süß“ deutlich dominiert. Auch wenn Katzen Nahrung auf vollständig andere Weise schmecken als wir Menschen, bedeutet dies keineswegs, dass humane und feline Geschmackspräferenzen sich nicht manchmal überlappen! So verschmähen Katzen in aller Regel jegliche Nahrung mit bitterem Geschmack, da dies ein natürliches Mittel ist, um die Aufnahme potenziell toxischer Substanzen zu vermeiden ( 10 ).

Initiale Nahrungspräferenzen entwickeln sich, wenn Katzenwelpen das Ernährungsverhalten ihrer Mutter beobachten und kopieren. Dies verändert sich jedoch, wenn die Katzen allmählich unabhängig werden und einer breiteren Palette von in der Umgebung verfügbarer oder vom Halter angebotener Nahrung ausgesetzt sind. Bezüglich ihrer Nahrungswahl gelten einige Katzen bei ihren Haltern als relativ mäkelig und wählerisch. Mögliche Ursache sind begrenzte frühe Erfahrungen mit unterschiedlichen Futtermitteln und Geschmacksrichtungen, die dann zu einer Neophobie führen. Katzen zeigen aber auch einen „Monotonie-Effekt“ bei der Auswahl ihrer Nahrung ( 4 ), das heißt, sie entwickeln eine zunehmende Abneigung gegenüber gewohnten Futtermitteln (und auch Beutetieren). Dies kann zur Entwicklung einer Präferenz für Neues und eine diätetische Diversität (innerhalb der Spanne von Futtermitteln und Geschmäcken, die die Katze bereits kennt) führen. Dieser Monotonie-Effekt unterstützt die Aufrechterhaltung einer ausgewogenen Nährstoffzufuhr durch den Verzehr einer großen Bandbreite unterschiedlicher Futtermittel und/oder Beutetiere und ist bei frei laufenden, streunenden Katzen stärker ausgeprägt als bei Hauskatzen, die mit vollwertigen kommerziellen Alleinfuttermitteln aufgezogen wurden ( 11 ). Der Monotonie-Effekt erklärt wahrscheinlich auch die Neigung einiger Hauskatzen, periodisch das Interesse an ihrem gewohnten Futter zu verlieren, was den Halter dann dazu zwingt, Alternativen auszuprobieren.

Was diktiert das Verhalten der Katze?

Der wahrscheinlich wichtigste Aspekt des felinen Jagd- und Ernährungsverhaltens, und in der Tat des felinen Verhaltens insgesamt, ist die Tatsache, dass dieses Verhalten primär durch Umweltfaktoren und innere Faktoren reguliert wird, und nicht etwa durch soziale Interaktion. Befindet sich eine Katze innerhalb ihres Territoriums, so werden ihre Verhaltensmuster nicht von anderen Katzen beeinflusst. Jagen, Nahrungsaufnahme und Selbsterhalt (Fellpflege, Ruhen) sind bei Katzen individuelle, einzelgängerische Aktivitäten. Umwelteinflüsse wie das Lichtlevel und der Vegetationstyp liefern der Katze Informationen, die sie in die Lage versetzen, vorherzusehen, wann und wo Beutetiere mit hoher Wahrscheinlichkeit verfügbar sein werden. Die Entscheidung zu jagen ist dann abhängig von der physischen Kondition der Katze und dem Gleichgewicht miteinander konkurrierender motivationaler Zustände (z. B. Motivation zum Selbsterhalt versus Motivation einen Partner zu finden oder Beute zu jagen).

Abbildung 4. Schematische Darstellung des Territoriums einer frei laufenden Katze. Diese Katzen können sehr große Territorien haben (bis zu 0,5-1,3 km lang mit einer Gesamtfläche von 300 000 bis 1 700 000 m2 ) mit zahlreichen Jagdgebieten und Toilettenarealen in der Peripherie sowie geschützten Orten für die Nahrungsaufnahme, das Ruhen und die Körperpflege im Kerngebiet. Aus hygienischen Gründen liegen die Toilettenareale weit weg von den Ruhebereichen.
© Jon Bowen

Frei lebende Katzen neigen dazu, beim Jagdverhalten, Ernährungsverhalten, Territorialverhalten und Selbsterhaltungsverhalten recht starre persönliche und räumliche Routinen zu etablieren ( Abbildung 4 ). Einer der Gründe hierfür ist, dass Katzen im Unterschied zu Hunden keine spezifischen Verhaltensmechanismen für die Regulation von Konflikten um gemeinsam genutzte Ressourcen haben. Stattdessen setzen Katzen Duftmarken (Harn- und Kratzmarkierungen) ein und Signale zur Aufrechterhaltung von Distanzen (z. B. bedrohliche Körperhaltungen, Augenkontakt und Vokalisierung). In Arealen mit einem Überangebot an geeigneten Zufluchtsorten und Nahrung bilden Katzen freiwillig Kolonien, die jedoch nicht zu einer Kooperation zwischen den einzelnen Individuen führen, wie man dies beispielsweise in einer Gruppe von Hunden beobachten kann. Vielmehr reflektiert diese Koloniebildung einen erhöhten Level an sozialer Toleranz der einzelnen Mitglieder solcher Gruppen. Sozial tolerante Katzen können also koexistieren und von einem Territorium mit erhöhter Verfügbarkeit an geeigneten Zufluchtsorten und Beutetieren gemeinsam profitieren, während sich sozial intolerante Katzen solchen Gruppen niemals freiwillig anschließen würden. Diese Kombination von Individualismus und fakultativer Soziabilität versetzt die Spezies Katze in die Lage, eine große Bandbreite unterschiedlicher Habitate zu besiedeln. Box 1 zeigt eine kurze Zusammenfassung des Ernährungsverhaltens der Katze.

• Katzen nehmen bis zu 20 kleine Mahlzeiten täglich auf.
• Katzen fressen über eine Periode von 24 Stunden.
• Jagen und Nahrungsaufnahme sind keine sozialen Aktivitäten, die durch die Anwesenheit anderer Katzen reguliert werden.
• Katzen folgen strikten individuellen Routinen bei Jagd, Nahrungsaufnahme und Körperpflege.
Box 1. Zusammenfassung des Ernährungsverhaltens
der Katze.

Wie leicht passen sich Katzen einem domestizierten Leben an?

Zu Beginn des Artikels betrachteten wir die Vorstellung, dass das Anbieten von Nahrung für den Menschen ein ganz wichtiger Aspekt von Fürsorge und Zuneigung ist. Verschiedenste soziale Konventionen spielen hierbei für den Menschen eine wichtige Rolle, und in der Regel wird vom Empfänger der Nahrung erwartet, dass er auf irgendeine Weise signalisiert, dass seine Bedürfnisse zufriedengestellt sind. So gilt es in einigen Kulturen beispielsweise als höflich, einen kleinen Rest Nahrung am Rand des Tellers übrig zu lassen, um zu zeigen, dass der Hunger durch die angebotene Mahlzeit mehr als zufriedenstellend gestillt wurde. In anderen Kulturen gilt es dagegen als höflich, die Nahrung auf dem Teller restlos aufzuessen und die Mahlzeit dann mit einem laut vernehmbaren Rülpsen abzurunden. In jedem Fall gilt der Verzehr der Nahrung aber als ein Nachweis für Zufriedenheit, und unsere Hunde erfüllen diese soziale Norm in aller Regel mehr als gern.

Katzen betrachten die Nahrungsaufnahme dagegen eher als eine Art von „Tankstopp“ zwischen zwei Aktivitäten. Die Nahrungsaufnahme hat keinerlei soziale Bedeutung, und oft fressen Katzen nur einige wenige Bissen, bevor sie sich wieder von ihrem Napf entfernen. Katzenhalter können ein solches Verhalten ihrer Tiere als Unzufriedenheit mit der Nahrung fehlinterpretieren und sich so genötigt fühlen, zunehmend attraktivere Alternativen anzubieten. An sich muss das kein größeres Problem darstellen, in einigen Fällen kann diese Strategie jedoch zu unbeabsichtigter Überernährung führen und sich letztlich als sehr frustrierend für den Halter erweisen.

Ein sehr viel ernsteres Thema ist aber das Timing und die Häufigkeit der Mahlzeiten. Bietet man Katzen nur zweimal täglich Futter an, so funktioniert dies nur, wenn das Futter frisch bleibt und über 24 Stunden verfügbar ist. Ist dies nicht gewährleistet, gibt es Perioden, in denen die Katze keinen Zugang zu Nahrung hat. Katzen, die über einzelne Mahlzeiten gefüttert werden, versuchen sich diesem Schema anzupassen, indem sie bei jeder Mahlzeit eine sehr viel größere Menge des frischen Futters als normalerweise aufnehmen, was ihnen letztlich aber unangenehm sein kann, da es nicht ihrem natürlichen Ernährungsrhythmus entspricht. Noch gravierender ist die Situation in Mehrkatzenhaushalten, in denen Katzen wenige Futternäpfe gemeinsam nutzen, da dies zur Bildung von „Warteschlangen“ für den Zugang zu Nahrung führt. Um die Bedeutung dieser Situation für die Katze besser zu verstehen, stelle man sich vor, man bekommt anstelle der üblichen eigenen Portion zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen lediglich eine einzige riesige Mahlzeit zu einem willkürlichen Zeitpunkt ein- oder zweimal pro Woche, die man sich dann auch noch mit anderen Menschen teilen muss, die ebenso hungrig sind und ebenso verzweifelt versuchen, sich ihren Anteil der Nahrung zu sichern. Füttern auf Verlangen ist ebenfalls eine schlechte Option, da der Besitzer zu den Schlüsselzeiten, in denen die Katze am aktivsten ist und folglich den größten Nahrungsbedarf hat (morgens und abends), oft noch schläft oder abwesend ist.

Abbildung 6. Bei diesem stationären Turm muss die Katze die Kroketten mit ihrer Pfote über mehrere Etagen bewegen, bevor sie sie fressen kann.
© Ingrid Johnson
Abbildung 5. In vielen Haushalten stehen Futternäpfe in für die Katze unangenehmer Nähe zu Katzentoiletten und Wassernäpfen oder in Bereichen mit viel Unruhe und Aktivität. Dies kann Katzen von der Nahrungsaufnahme abhalten, insbesondere, wenn noch weitere Katzen in der Nähe sind.
© Jon Bowen

Neben der für diese Spezies ungeeigneten Fütterungsfrequenz führen das Füttern in Form einzelner Mahlzeiten und das Füttern auf Verlangen dazu, dass sich die Routine der Katze der Routine des Halters anpasst. Vor dem Hintergrund der natürlicherweise relativ starren Routinen von Katzen können Unregelmäßigkeiten im Tagesablauf des Halters, der während der Woche zu unterschiedlichen Zeiten aufsteht oder nach Hause kommt, bei Katzen zur Entstehung von Stress aufgrund von mangelnder Berechenbarkeit führen.

• Katzen müssen freien Zugang zu Nahrung haben, damit sie kleine Mengen über den Tag und die Nacht verteilt fressen können.
• Es ist normal, dass Katzen nur eine kleine Menge fressen und sich dann von ihrem Napf entfernen.
• Die Fütterung eines einzigen Hauptfuttermittels, gelegentlich ergänzt durch geringe Mengen neuer Futtermittel, ist wahrscheinlich das natürlichste Ernährungsmuster für Katzen. Diese relative Monotonie kann helfen, das Risiko einer übermäßigen Futteraufnahme zu reduzieren.
• Activity-Feeder sorgen für mentale Stimulation und sollten bei ad libitum gefütterten Katzen eingesetzt werden, um eine übermäßige Nahrungsaufnahme zu verhindern.
• Halter müssen andere Wege finden, um ihre Fürsorge und Zuneigung zu zeigen, zum Beispiel Jagdspiele und das Sprechen mit der Katze.
Box 2. Tipps für eine bessere Fütterungspraxis

Um zu demonstrieren, wie wichtig diese Aspekte sein können, haben mindestens zwei Studien die Bedeutung von Routine und Vorhersehbarkeit im Leben von Katzen untersucht. Beide Studien fanden heraus, dass Unregelmäßigkeiten bei Fütterung, Beleuchtung, Heizen, Saubermachen und sozialen Kontakten zu einer Zunahme stressassoziierter Verhaltensweisen führen. Eine Studie mit Katzen, die unvorhersehbaren Routinen ausgesetzt waren, beschreibt, dass die Tiere erhöhte Harncortisolspiegel aufwiesen, ein reduziertes exploratives Verhalten zeigten und gesteigerte Erregungs- und Versteckmuster an den Tag legten ( 12 ). Eine weitere Studie fand heraus, dass eine auf ähnliche Weise durchbrochene Routine zu einem 60 %igen Anstieg des Harnabsatzes außerhalb der Katzentoilette und einer nahezu 10-fach erhöhten Zunahme des Kotabsatzes außerhalb der Katzentoilette führte ( 13 ). Hierbei handelt es sich um wichtige Befunde, da die in diesen Studien experimentell herbeigeführten Veränderungen der Routinen von Katzen dem sehr ähnlich sind, was die durchschnittliche Hauskatze zu ertragen hat. Neben der unregelmäßigen Verfügbarkeit von Nahrung erleben Katzen oft auch abrupte und unvermeidliche durch den Halter herbeigeführte Veränderungen der Beleuchtung, der Raumtemperatur, des Vorhandenseins von Stimulation und des Kontaktes zu Menschen.

Wenn eine Katze beginnt, Kot außerhalb der Katzentoilette abzusetzen, sucht der Halter oft nach einer bestimmten signifikanten Veränderung oder einem bestimmten signifikanten Stressor, der dafür verantwortlich sein könnte. An einer solchen Unsauberkeitsproblematik können letztlich zwar viele verschiedene Ursachen beteiligt sein, es kann sich aber schlicht und einfach auch um das Ergebnis eines generellen Mangels an Routine und Vorhersagbarkeit oder Berechenbarkeit handeln. Innerhalb dieses allgemeinen Mangels an Berechenbarkeit der Umwelt stellt die Fütterung wahrscheinlich den kritischsten Aspekt dar, da es sich hier um den Bereich handelt, in dem die Bedürfnisse des Menschen und die Bedürfnisse der Katze am wenigsten kompatibel sind. Gleichzeit handelt es sich hierbei aber auch um das am leichtesten zu lösende Problem. In vielen Fällen mit Konflikten unter Katzen und Unsauberkeitsproblemen liegt der Schlüssel zur Verbesserung darin, den Katzen freien Zugang zu Nahrung zu gewähren. Wichtig ist darüber hinaus aber auch die Berücksichtigung der katzengerechten Positionierung des Fütterungsbereiches innerhalb des Haushaltes ( Abbildung 5 ).

Katzenhalter sind oft besorgt darüber, dass freier Zugang zu Nahrung zu Übergewicht führen kann. In den meisten Fällen ist dies jedoch kein Problem, wenn der freie Zugang zum Futter über sogenannte Activity-Feeder erfolgt, die zu einer Verlangsamung der Futteraufnahme beitragen ( Abbildung 6 ), und wenn die Nahrung einen ausreichend hohen Proteingehalt aufweist. Katzen scheinen zu fressen, um einen bestimmten Proteinbedarf zu decken, und so lange sie ihre Nahrung so langsam verzehren, dass eine Sättigung erreicht werden kann, kommt es tendenziell nicht zu einer übermäßigen Aufnahme. Indoor-Katzen haben aufgrund ihres Aktivitätsmangels ein höheres Adipositasrisiko, dem man am besten durch Gestaltung einer stärker stimulierenden Umwelt entgegenwirkt, kombiniert mit einer geeigneten Fütterungskontrolle, anstatt ausschließlich auf diätetische Restriktionen zurückzugreifen.

Abbildung 7. Halter müssen andere Wege finden, um ihre Fürsorge zu zeigen, zum Beispiel Jagdspiele mit der Katze.
© Shutterstock

Durch Gewährung eines freien Zugangs zu Nahrung mit Hilfe von Activity-Feedern können wir Katzen natürlichere Ernährungserfahrungen bieten, die Stress und Frustration reduzieren werden. Katzenhalter fühlen sich mit dieser Fütterungspraxis unter Umständen aber nicht so richtig wohl, da ihnen dadurch eine wichtige Gelegenheit genommen wird, Fürsorge und Zuwendung zu zeigen. Eine Lösung, die sowohl Katzen als auch Katzenhalter zufriedenstellen kann, ist die Gabe von Futter im Rahmen von „Jagdspielen“. Ein Beispiel hierfür ist das Spielen mit einem angelartigen Gerät ( Abbildung 7 ), das damit beginnt, dass sich die Katze an das immer wieder hinter dem Sofa verschwindende und auftauchende Objekt anpirscht und dann schrittweise ihre artspezifische natürliche Jagdsequenz durchspielen kann, die schließlich damit endet, dass sie einen versteckten, schmackhaften Snack findet.

Schlussfolgerung

Katzenhalter gehen oft davon aus, dass menschliche Werte auch bei ihren Katzen angewendet werden können, insbesondere, wenn es um die Nahrung und die Fütterung geht. Der Tierarzt sollte in der Lage sein, Katzenhaltern einige grundlegende Regeln zu vermitteln, die besagen, was man in diesem Zusammenhang tun sollte und was man vermeiden sollte (Box 2). Die richtige Balance zwischen den Bedürfnissen der Katze und den Bedürfnissen des Katzenhalters ist gar nicht so schwer zu erreichen, wenn der Halter die Unterschiede zwischen Katze und Mensch versteht. Ein Verständnis der Grundlagen der felinen Ethologie kann zu einer besseren Interaktion zwischen Tier und Tierhalter führen und damit letztendlich zu einer zufriedenstellenderen und umfassenderen Mensch-Tier-Bindung beitragen.

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