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Veterinary Focus

Ausgabe nummer 24.3 Ernährung

Der „BARF“ Trend – Vorteile, Nachteile und Risiken

veröffentlicht 04/03/2021

Geschrieben von Stefanie Handl

Auch verfügbar auf Français , Italiano , Română , Español , English und ภาษาไทย

Der Trend, Hunde und Katzen mit rohen Zutaten zu füttern, wurde anscheinend in den frühen 1990er Jahren von einem australischen Tierarzt begonnen, der ein Buch schrieb, das die Vorzüge dieser Fütterungsphilosophie propagierte.

Ein großes Problem bei BARF-Ernährung von Hunden und Katzen ist die mögliche Gefährdung der Gesundheit des Menschen beim Umgang mit rohem Fleisch.

Key points

BARF-Rationen orientieren sich am natürlichen Beuteschema der wilden Vorfahren von Haushund und Hauskatze und bestehen daher im Wesentlichen aus rohem Fleisch mit hohem Anteil „fleischiger Knochen“ und Organen.


Hintergrund

Der Trend, Hunde und Katzen mit rohen Zutaten zu füttern, wurde anscheinend in den frühen 1990er Jahren von einem australischen Tierarzt begonnen, der ein Buch schrieb, das die Vorzüge dieser Fütterungsphilosophie propagierte 1. Die Abkürzung „BARF“ steht in der Regel entweder für „Biologically Appropriate Raw Food“, im Deutschen „Biologisch-artgerechtes rohes Futter“ oder für „Bones and Raw Food“, im Deutschen „Knochen und rohes Futter“ und ist heute ein in diesem Kontext weithin verwendetes Akronym. Daneben gibt es weitere Konzepte und Philosophien zur „korrekten Rohfütterung“, wie zum Beispiel das „Prey Model“ oder die „Ultimate Diet“ 2, die allerdings weitaus weniger bekannt sind, so dass sich „BARF“ als Synonym für die Fütterung roher Zutaten allgemein durchgesetzt hat.

BARF-Rationen orientieren sich am natürlichen Beuteschema der wilden Vorfahren von Haushund und Hauskatze und bestehen daher im Wesentlichen aus rohem Fleisch mit einem hohen Anteil an „fleischigen Knochen“ und Organen (Abbildung 1). Dazu kommen Obst und Gemüse, Nüsse, Öle, Kräuter und in geringen Mengen Eier und Milchprodukte. Die Fütterung von Getreideprodukten wird meist abgelehnt, andere Kohlenhydratquellen wie Kartoffeln oder Hülsenfrüchte sind manchmal schon erlaubt. Während einerseits „künstliche Zusätze“ (wie Mineralstoff-oder Vitaminpräparate) abgelehnt werden, gibt es bereits eine große Auswahl an Produkten auf dem Markt, die speziell zur Ergänzung von BARF-Rationen ausgelobt sind.

Abbildung 1. BARF-Rationen orientieren sich am natürlichen Beuteschema der wilden Vorfahren von Haushund und Hauskatze und bestehen daher im Wesentlichen aus rohem Fleisch mit einem hohen Anteil an „fleischigen Knochen“ und Organen. © Shutterstock

Der wichtigste Beweggrund der Besitzer für BARF ist der Wunsch nach „natürlicher, gesunder Fütterung“ (Abbildung 2) 3 4. Als weiterer Grund für die Umstellung auf BARF werden oft chronische Erkrankungen genannt, wie Hauterkrankungen, Magen-Darm-Erkrankungen und Allergien, für die die Besitzer Besserung durch die neue Ernährungsform erhoffen. Dazu kommt, dass es in den letzten Jahren immer wieder Publikationen in den Medien gab, dass kommerzielles Fertigfutter nur „Abfälle und chemische Zusätze“ enthalte und an „Zivilisationserkrankungen“ schuld sei. Sie verunsichern viele Tierbesitzer und lassen sie nach „gesünderen“ Alternativen suchen.

Abbildung 2. Die Ergebnisse von Umfragen im Internet in Österreich und Deutschland (2011) zeigen, dass die wichtigsten Gründe von Tierbesitzern, sich für BARF zu entscheiden, der Wunsch nach „natürlicherer, gesünderer Tiernahrung“ ist, genannt werden aber auch andere Gründe (z. B. Hauterkrankungen, Magendarmstörungen und Allergien) 3 4.

Die Informationsquellen zum Thema „BARF“ sind in erster Linie Internetseiten und Bücher (Abbildung 3) 3 4. Leider sind diese Quellen in der Regel von Laien geschrieben und enthalten mangelhafte oder sogar irreführende Informationen, die manchmal aber sehr „wissenschaftlich“ klingen. BARF wird häufig sehr emotional propagiert und als Allheilmittel für Krankheiten, Probleme und Verhaltensauffälligkeiten dargestellt. Besitzer, die nicht roh füttern möchten, werden unter Druck gesetzt, dass sie ihrem Tier mit kommerziellem Fertigfutter schaden würden.

Abbildung 3. Die Ergebnisse von Umfragen im Internet in Österreich und Deutschland (2011) zeigen, dass die Informationsquellen zum Thema BARF in erster Linie das Internet und populärwissenschaftliche Literatur sind 3 4.

Behauptungen und Wahrheit

Es sei vorausgeschickt, dass es bisher keine wissenschaftlichen Studien gibt, die sich mit der langfristigen Auswirkung von rohen Rationen beschäftigen. Diskussionen über die Vor- und Nachteile können daher nur aufgrund von Schlussfolgerungen aus dem Wissen über Futtermittelkunde und Ernährungsphysiologie geführt werden. Folgende Vorteile des BARF gegenüber Fertigfutter werden häufig genannt:

  • Wissen über Herkunft und Zusammensetzung des Futters
    ­- Unverträgliche oder unbeliebte Futtermittel und Allergene können leicht vermieden werden.

  • Vermeidung von Zusatzstoffen
    ­- Gerade Zusatzstoffe haben bei Tierbesitzern einen schlechten Ruf, da sie als „unnötige Chemikalien“ empfunden werden. Häufig wird der Einsatz von Geschmacksstoffen überschätzt bzw. von so genannten „Lockstoffen“ gesprochen, die das Tier „überlisten“ sollen, die minderwertige Nahrung zu akzeptieren bzw. sogar danach „süchtig“ zu werden. Vielen Tierhaltern ist nicht bekannt, dass auch lebenswichtige Vitamine und Spurenelemente unter Zusatzstoffe fallen und dass alle Zusatzstoffe ein Zulassungsverfahren durchlaufen müssen.

  • Vermeidung von Getreideprodukten
    ­- Dass Gluten bzw. Getreide für Hunde und Katzen schädlich sei, ist ein weiteres populäres Gerücht, welches jeglichen wissenschaftlichen Hintergrund entbehrt. Man kann davon ausgehen, dass gerade Hunde schon vor der Erfindung von kommerziellem Trockenfutter viele Getreideprodukte bekamen (Brot, Hundekekse). Laut aktuellen Forschungsergebnissen haben sich Hunde im Lauf ihrer Evolution auf genetischer Ebene an kohlenhydratreiche Fütterung angepasst 5. Auch Katzen können Getreide prinzipiell gut verwerten, wenn auch geringere Mengen als Hunde. Glutenhaltige Produkte müssen nur vermieden werden, wenn das Tier eine Glutenunverträglichkeit hat, welche aber sehr selten vorkommt.

  • Hitzeeinwirkung zerstört Nährstoffe
    ­- Es ist zweifellos richtig, dass manche Nährstoffe, vor allem B-Vitamine und Vitamin A, hitzelabil sind. Dieses Problem lässt sich aber leicht durch Zulage des Nährstoffs in ausreichender Menge bzw. Einbringen des Nährstoffs nach der Hitzeeinwirkung kompensieren. Durch Hitzeeinwirkung wird außerdem die Verfügbarkeit mancher Aminosäuren, vor allem Lysin, vermindert. Bei der Fütterung von Fleischfressern ist ein Mangel an essenziellen Aminosäuren in der Praxis aber kein Thema, solange sie eine Nahrung mit qualitativ hochwertigen tierischen Proteinen bekommen.
    ­- Des Weiteren wird die Zerstörung von Enzymen im Fleisch durch Erhitzung als Argument für die Rohfütterung genannt, und dass die Fütterung von erhitztem Fleisch zu einem „Enzymmangel“ führe. Es scheint, als würde hier irrtümlich der Begriff „Enzyme“ mit Verdauungsenzymen gleichgesetzt.

  • Geringere Kotmenge, bessere Kotkonsistenz
    ­ - L BARF-Rationen sind in der Regel sehr gut verdaulich – vor allem besser verdaulich als viele Trockenfutterprodukte. Da jedoch das Kochen bei haushaltsüblichen Temperaturen die Verdaulichkeit von Fleisch nicht negativ beeinflusst, können genauso hoch verdauliche Rationen aus gekochten Zutaten hergestellt werden.

  • Verbesserte Zahngesundheit durch vermehrtes Kauen
    ­- Das Kauen von zähen Fleischstücken und das Nagen an Knochen kräftige den Zahnhalteapparat und reinige die Zahnoberfläche. Dies erscheint plausibel, wenn auch darauf hingewiesen werden muss, dass durch Knochen auch Verletzungen entstehen können (Abbildung 4).

Abbildung 4. Das Benagen von Knochen kann die Reinigung der Zahnoberflächen unterstützen, aber auch Verletzungen in der Maulhöhle und Zahnfrakturen verursachen. © Dr. Javier Collados

Die meisten der häufig genannten positiven Auswirkungen, wie „glänzendes Fell“, „lebhaftes Verhalten“, „bessere Konstitution“ etc., sind subjektive Eindrücke und schwer objektiv klinisch zu erfassen. Selbstverständlich können Symptome wie schlechter Appetit, Verdauungsstörungen und Hautprobleme durch Nährstoffmängel bzw. ein für das Tier unpassendes Futter verursacht sein. Sie können aber auch Symptome für eine Vielzahl von Erkrankungen sein. Es scheint, dass Besitzer derzeit sehr sensibel gegenüber dem Thema „Unverträglichkeit von Fertigfutter“ sind und rasch bereit sind, auf Rohfütterung umzusteigen, während plausiblere Ursachen, wie Parasitosen oder Infektionen, nicht bedacht werden.

Risiken der Rohfütterung

Folgende Risiken müssen bei der Rohfütterung bedacht werden:

1.    Fehlversorgung mit Nährstoffen
2.    Hygienerisiko durch rohes Fleisch
3.    Verletzungen durch Knochen
4.    Ungeeignete bzw. schädliche Zutaten

1. Fehlversorgung mit Nährstoffen

Häufig wird behauptet, dass eine „naturnahe Kost“ automatisch den Nährstoffbedarf decke und dass „künstliche“ Ergänzungen über Mineralfutter nicht nötig, ja sogar schädlich seien. Selbstverständlich kann der Körper auch bei BARF nur jene Nährstoffe absorbieren, die in der Nahrung enthalten sind. Wissen um den Nährstoffgehalt der Zutaten und deren sinnvolle Kombination ist nötig, um bedarfsdeckende Rationen zu erstellen. Es gibt zahlreiche Bücher und Websites, die fertige BARF-Rezepte anbieten. Leider sind diese in der Mehrzahl fehlerhaft. Folgende Fehler sind bei BARF-Rezepten häufig anzutreffen:

  • Sehr hoher Proteingehalt
    ­- Wird bei gesunden Hunden bisher für unbedenklich gehalten. Proteinreiche Nahrung ist aber bei älteren Tieren nicht zu empfehlen und insbesondere nicht bei Tieren mit Erkrankungen der Leber oder Niere.
  • Niedriger Proteingehalt
    ­- Z. B. bei ausschließlicher Verwendung von fettem Fleisch.
  • Sehr hoher Fettgehalt (> 30% in der Trockensubstanz)
    ­- Erhöht das Risiko für Pankreatitis bei Hunden 6.
  • Calciumüberversorgung oder -unterversorgung bzw. Ungünstiges Ca:P-Verhältnis
    ­- Besonders gefährlich bei Welpen im Wachstum (Abbildung 5).
  • Vitamin A-Mangel oder -überschuss
    ­- Katzen können Carotinoide nicht in Vitamin A umwandeln und müssen daher Vitamin A aufnehmen, welches nur in tierischen Produkten enthalten ist.
  • Vitamin E-Mangel
  • Vitamin D-Mangel
    ­- Mancherorts wird behauptet, dass Hunde und Katzen keine Vitamin D-Ergänzung bräuchten, da sie es im Körper bilden könnten – das ist falsch!
  • Mangel an Spurenelementen (Zn, Cu, J, Mn)
  • Verwendung unnötiger oder schädlicher Ergänzungen

Abbildung 5. Dorsoventrale Röntgenaufnahme des kaudalen Abdomens und der Beckengliedmaßen eines Hundes mit ernährungsbedingtem, sekundärem Hyperparathyreoidismus. Zu beachten sind die dünnen Cortices und pathologische Frakturen im Bereich des Beckens und beider Femores. © Dr. Francis Kallfelz

Zu den Folgen dieser Ernährungsfehler sei auf die entsprechende Fachliteratur verwiesen. Es muss betont werden, dass gerade Mängel an Vitaminen und Spurenelementen über Monate und Jahre klinisch symptomlos bleiben können, bis der Körper seine Reserven verbraucht hat oder bis, z. B. durch Krankheit, ein erhöhter Bedarf auftritt. Während dieser Zeit kann das Tier vollkommen gesund wirken – ein häufiges Argument von Tierbesitzern: „Mein Hund/meine Katze sieht gesund aus, kann daher nicht mangelernährt sein.“ Ebenso hört man häufig: „Das Blutbild war in Ordnung, also muss meine Fütterung richtig sein.“ Eine optimale Nährstoffversorgung kann nicht an einem Blutbefund ermittelt werden! Die Messwerte im Blut sind Momentaufnahmen, dauerhafte Veränderungen treten erst bei massivem Mangel bzw. Überversorgung auf. Im Fall von Calcium und Phosphor werden die Blutspiegel innerhalb enger Grenzen konstant gehalten – Veränderungen deuten auf pathologische Prozesse hin, die selten mit der Fütterung zu tun haben. Um die Versorgung mit Nährstoffen zu prüfen, muss immer die Fütterung kontrolliert werden!

Bei der „klassischen Rationsberechnung“ wird der Nährstoffbedarf des Tieres anhand von Bedarfszahlen berechnet.

Als Standard gelten dabei die Empfehlungen des National Research Council* (NRC) 7.

* Abhängig vom jeweiligen Land der Herstellung und/oder des Verkaufs erfolgt die Herstellung kommerzieller Tiernahrungen nach den strengen Richtlinien des National Research Council (NRC), der European Pet Food Industry Federation (FEDIAF) oder der Association of American Feed Control Officials (AAFCO). Die strikte Einhaltung dieser Richtlinien stellt sicher, dass kommerzielle Tiernahrungen ausgewogen und sicher sind. Diese Richtlinien (einschließlich umfassender Ernährungs- und Fütterungsrichtlinien) sind auf den Webseiten der entsprechenden Organisationen zugänglich.

BARF-Anhänger kritisieren diesen Ansatz, da die Bedarfszahlen des NRC anhand von Fütterungsversuchen mit Fertigfutter ermittelt worden seien und daher für die Rohfütterung nicht gelten könnten. Es stimmt zwar, dass die Angaben zur empfohlenen Zufuhr eine Sicherheitsspanne beinhalten, die die Verdaulichkeit im Fertigfutter berücksichtigt. Allerdings gibt es derzeit keine Bedarfszahlen für die Rohfütterung, so dass die Angaben des NRC die besten sind, die zur Verfügung stehen. Es ist unwahrscheinlich, dass es zu einer gefährlichen Überversorgung kommt, wenn BARF-Rationen nach NRC-Angaben berechnet werden. Auf jeden Fall können für entsprechende Berechnungen die Angaben des NRC zum Minimalbedarf bzw. zur sicheren Obergrenze der Zufuhr herangezogen werden.

Manche Tierbesitzer lehnen jegliche Ergänzungsfuttermittel, wie Mineralfutter, als „künstlich“ ab und möchten den Bedarf ihres Tieres ausschließlich über „natürliche Quellen“ decken. Dabei wird der Gehalt an Vitaminen und Spurenelementen in Obst, Gemüse, Nüssen und Kräutern in der Regel weit überschätzt, und die Gehalte sind zu niedrig, um eine adäquate Versorgung mit realistischen Mengen zu erreichen. Die meisten dieser Ergänzungsfuttermittel bestehen aus Zutaten (wie Kräutern), deren Wirkung aus der traditionellen (Volks)Medizin abgeleitet wird. Eine solche Wirkung bei Hund und Katze ist selten untersucht, meistens gar nicht bewiesen.

Die Zusammenstellung einer bedarfsdeckenden Ration auf Basis von Einzelkomponenten ist möglich, aber komplex, und sollte nur nach professioneller Ernährungsberatung erfolgen.

Sehr beliebt sind, vor allem bei Hundebesitzern, diverse Nahrungsergänzungen auf Basis von Kräutern, Algen, Heilerde u. Ä., die „natürliche“ Quellen von Nährstoffen und nicht näher bezeichneten „Vitalstoffen“ sein sollen. In der Regel ist die Deklaration dieser Produkte mangelhaft. Manchmal ist nicht einmal die Zusammensetzung angegeben, eine Nährstoffanalyse fehlt fast immer. Solche Produkte können nicht empfohlen werden. Erfahrungsgemäß ist der Spurenelementgehalt in Samen, Nüssen und Kräutern zu gering, um bei einer realistischen Dosierung eine adäquate Ergänzung zu liefern. Algen sind als Jodergänzung tatsächlich gut geeignet, allerdings nur Meeresalgen (Knotentang, Ascophyllum nodosum). Süßwasseralgen (Spirulina und Chlorella) enthalten kein Jod. Nicht auszuschließen sind schließlich auch Nebenwirkungen und unerwünschte Wechselwirkungen bei Verwendung verschiedener Supplemente.

2. Hygienerisiko durch rohes Fleisch

Fleisch kann Viren, Bakterien und Parasiten beinhalten. An Viren ist vor allem das Aujeszky-Virus zu nennen, welches für Hunde und Katzen tödlich ist. Viele Tierbesitzer wissen, dass rohes Schweinefleisch nicht verfüttert werden darf; allerdings kommt es vor allem bei Jagdhunden immer wieder zu Todesfällen nach Kontakt mit Wildschweinen 8 (Abbildung 6). Wild ist vor allem dann eine Gefahr, wenn es nicht lebensmittelrechtlich untersucht wurde.

Abbildung 6. Jagdhunde erhalten gelegentlich rohes Wildfleisch, das sie für verschiedene Erkrankungen wie die Aujeszkysche Krankheit und Endoparasitosen prädisponieren kann. © Shutterstock

Parasiten (z.B. Bandwürmer wie Echinococcus spp.) können nicht nur den Hund oder die Katze infizieren, sie können auch den Menschen als Fehlwirt befallen. Je nach Herkunft kann Wild auch Träger von Zoonosen sein, wie Tuberkulose oder Tularämie. Wildtiere und Masttiere, die Kontakt zu Wildtieren haben, können außerdem Träger von Toxoplasmen sein. Unter den Bakterien sind vor allem potenziell pathogene Darmkeime, wie E. coli, Salmonellen, Campylobacter oder Yersinien zu nennen.

Häufig wird von Befürwortern der BARF-Philosophie hier das Argument angeführt, dass Hunde und Katzen „unempfindlich“ gegen diese Erreger seien. Auch wenn es zu stimmen scheint, dass Hunde und Katzen seltener an einer Gastroenteritis durch Salmonellen oder Coli-Keime leiden als Menschen, können ernsthafte Erkrankungen bis hin zu Septikämien auftreten, vor allem bei immunsupprimierten Tieren.

Die größere Gefahr besteht jedoch für die menschliche Gesundheit. Nicht nur der praktische Umgang mit dem rohen Fleisch stellt ein Risiko dar (Abbildung 7). Hunde und Katzen, die kontaminiertes Fleisch aufnehmen, können über Wochen zu symptomlosen Ausscheidern von humanpathogenen Keimen, wie Salmonellen, über den Kot werden. Diese Keime finden sich dann auch auf dem Fell des Tieres, seinem Schlafplatz und letztendlich im gesamten Haushalt.

Abbildung 7. Ein großes Problem bei BARF-Ernährung von Hunden und Katzen ist die mögliche Gefährdung der Gesundheit des Menschen beim Umgang mit rohem Fleisch. © Shutterstock

Das Hygienerisiko durch rohes Fleisch wird in fast allen Publikationen zu BARF heruntergespielt. Mag sein, dass unsere Lebensmittel so sicher sind, dass potenzielle Gefahren aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden sind. Gerade beim BARF werden jedoch häufig nicht Produkte aus dem Lebensmittelhandel verwendet. Es hat sich mittlerweile ein Markt mit rohen Futtermitteln entwickelt, wo Fleisch und Schlachtnebenprodukte online bestellt werden können und meist gefroren versandt werden. Diese Produkte unterliegen nicht denselben hygienischen Richtlinien wie Lebensmittel, und es ist zu befürchten, dass die Transportbehältnisse nicht immer desinfiziert werden und dass die Kühlkette nicht eingehalten wird. Dar-über hinaus sind gegenwärtig verschiedene rohe kommerzielle Tiernahrungen erhältlich und es gibt mehrere Berichte, die feststellen, dass diese Produkte vor allem hinsichtlich einer mikrobiellen Kontamination von schlechter Qualität sind 9 10. An dieser Stelle ist anzumerken, dass Bakterien wie Salmonellen auch in Tiernahrungsfabriken ein Risiko darstellen, und dass die Tiernahrungsindustrie hohe Standards aufrechterhalten muss, um sicherzustellen, dass Qualität und Sicherheit der Tiernahrungen während des Herstellungsprozesses nicht beeinträchtigt werden.

3. Verletzungen durch Knochen

Mögliche Schäden durch Knochen reichen von Verletzungen im Maulbereich und Zahnfrakturen über Schlundverstopfungen und Obstipationen durch Knochenkot bis hin zu Ileus und Perforationen (Abbildung 8). Es gibt keine Daten, ob die Prävalenz dieser Probleme in den letzten Jahren mit der zunehmenden Popularität von BARF angestiegen ist. In manchen Kleintierpraxen und Tierkliniken besteht jedoch der subjektive Eindruck, dass diese Erkrankungen in letzter Zeit wieder häufiger auftreten, während man sie bis vor etwa 5 Jahren kaum antraf.

Abbildung 8. Die orale Aufnahme von Knochen kann zu Obstruktionen von Rachen, Speiseröhre oder Gastrointestinaltrakt führen, die ein chirurgisches Eingreifen erforderlich machen. © Shutterstock


4.Ungeeignete bzw. schädliche Zutaten

Bei jedem vom Besitzer selbst zubereiteten Futter besteht die Möglichkeit, dass durch Unwissenheit schwer verdauliche oder sogar giftige Zutaten verwendet werden. Dass Schokolade, Weintrauben und Zwiebeln giftig sind, ist unter Hunde- und Katzenbesitzern offenbar bekannt. Andere Produkte werden oft als geeignete Zutaten für BARF-Nahrungen diskutiert, empfohlen oder verkauft. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Knoblauch. Er wird in manchen BARF-Ratgebern empfohlen und ist sogar als Futtermittel käuflich. Knoblauch soll gesundheitsfördernde Eigenschaften und eine Repellent-Wirkung gegen Ektoparasiten haben. Nichts davon ist wissenschaftlich je bewiesen worden. Tatsache ist hingegen, dass Knoblauch auch schädigend auf die Erythrozyten wirkt. Das Gleiche gilt für Bärlauch oder Schnittlauch, die manchmal als „gesunde Kräuterbeigabe“ gefüttert werden. Auf Warnungen wird meist entgegnet, dass die gefütterte Menge weit unterhalb der toxischen Dosis liege. Es ist jedoch unbekannt, ob eine chronische Aufnahme kleiner Dosen tatsächlich harmlos ist. Aus diesem Grund muss von der Verfütterung aller Zwiebelgewächse an Hunde und Katzen abgeraten werden. Es sei außerdem darauf hingewiesen, dass manche Produkte sich nicht zur rohen Fütterung eignen:

  • Eier
    ­- Rohe Eier enthalten Avidin, welches Biotin bindet und zu einem Biotinmangel führt.
    ­- Ein im Eiklar enthaltener Trypsinhemmstoff beeinträchtigt die Eiweißverdauung.

  • Fisch
    ­- Viele Fische enthalten in rohem Zustand Thiaminasen, welche Thiamin zerstören.
    ­- Fisch enthält Trimethylamin, eine organische Verbindung, die Eisen bindet und bei langfristiger Aufnahme Anämie verursachen kann.

  • Bohnen (Phaseolus)
    ­- Enthalten Lektine und Tannine (die die gastrointestinale Schleimhaut schädigen), Trypsininhibitoren (die die Proteinverdauung beeinträchtigen) und zyanogene Glykoside (die zu Zyanid-Vergiftung führen können). Nach dem Kochen oder einer Hitzebehandlung sind solche Produkte aber sicher anwendbar.

  • Maniok
    ­- Ungekochte Manioks enthalten zyanogene Glykoside. Nach dem Kochen oder einer Hitzebehandlung sind solche Produkte aber sicher anwendbar.

 

Spezifische Probleme

Zu erwähnen sind zwei spezifische Probleme im Zusammenhang mit BARF-Nahrungen:

  • Thyreotoxikose: Bereits durch Studien belegt 11 12 ist das Phänomen, dass Hunde durch die Aufnahme von Fleisch, welches Schilddrüsengewebe enthält, eine Schilddrüsenüberfunktion oder Thyreotoxikose entwickeln. Das wäre eigentlich kein Problem, das spezifisch für die Rohfütterung ist, da Schilddrüsenhormone hitzestabil sind. Allerdings ist bei BARF-Nahrungen das Kopffleisch oder Kehlfleisch aufgrund des günstigen Preises sehr beliebt. Zusätzlich sind Luftröhren und Kehlköpfe als Kauartikel erhältlich; es gibt sogar Kehlkopf pur in Dosen zu kaufen. Da keine sichere Dosis bekannt ist, muss von der Verfütterung solcher Produkte abgeraten werden. Bei Katzen liegen bisher keine Berichte über entsprechende Thyreotoxikosen vor, was daran liegen mag, dass diese großen Teile des Schlachtkörpers für Katzen aus ganz praktischen Erwägungen nicht geeignet sind.

  • „Entgiftung“: In manchen Anleitungen zu BARF kann man lesen, dass es nach der Umstellung von Fertigfutter auf Rohfütterung zu Verdauungsstörungen und Hauptproblemen kommen kann, welche als „Entgiftungsreaktion“ des Körpers erklärt werden, der die „abgelagerten Schadstoffe“ aus dem Fertigfutter erst ausscheiden müsse. Eine solche „Entgiftung“ ist ein Konzept der Alternativmedizin und wissenschaftlich nicht untermauert. Verdauungsstörungen und Hauptprobleme können jedoch Anzeichen einer Futtermittelunverträglichkeit sein. Dieses Phänomen macht deutlich, wie sehr manche Besitzer von BARF überzeugt sind, da sie eindeutige Unverträglichkeitssymptome als positive Reaktion wahrnehmen, während dieselbe Reaktion auf ein kommerzielles Fertigfutter ihre negative Meinung bestätigt.

BARF bei Erkrankungen

Sollen erkrankte Tiere roh gefüttert werden, muss überlegt werden, ob die Charakteristika dieser Fütterungsmethode (hoher Eiweiß- und Fettgehalt, hohe Calcium- und Phosphorzufuhr, potenzielles Hygienerisiko) mit den Anforderungen an eine Diät für die jeweilige Erkrankung in Einklang gebracht werden können.

  • Bei Erkrankungen des Gastrointestinaltraktes, wenn die Darmflora gestört ist und von einer erhöhten Durchlässigkeit der Schleimhaut ausgegangen werden kann, und auf jeden Fall bei blutigem Erbrechen und/oder blutigem Durchfall, soll kein rohes Fleisch gefüttert werden, um jedes Risiko einer Infektion auszuschließen. Bei Diabetes mellitus aber auch zur Gewichtsreduktion ist die Rohfütterung durchaus geeignet. Der Gehalt an Rohfasern kann zusätzlich durch Kleie oder Zellulose erhöht werden.

  • Bei Niereninsuffizienz sind BARF-Rationen kontraindiziert, da sie viel zu eiweiß- und phosphorreich sind.

  • Gerade bei Tumorerkrankungen suchen die Besitzer oft verzweifelt nach einem „Wundermittel“ und ziehen die Fütterung einer „Spezialdiätnahrung“ in Betracht. Da die meisten Tumorpatienten immunsupprimiert sind, stellt hier rohes Fleisch ein vermeidbares Infektionsrisiko dar. Eine kohlenhydratfreie Fütterung macht keinen Sinn. Zumindest geringe Mengen an Kohlenhydraten werden empfohlen, um die Leber zu entlasten und den Körper mit gut verfügbarer Energie zu versorgen.

Keinesfalls darf bei Diätnahrungen für kranke Tiere eine Ergänzung von Vitaminen und Spurenelementen vergessen werden, die für eine optimale Funktion des Immunsystems nötig sind. Zudem muss bedacht werden, dass eine Nahrungsumstellung einen zusätzlichen Stressfaktor darstellt und daher zum Beispiel bei Tumorpatienten, die ohnehin häufig inappetent sind, nicht aufgezwungen werden sollte.

Schlussfolgerung

BARF ist eine mögliche Form der Ernährung von Hunden und Katzen, die aber mit einigen Risiken behaftet ist. Über diese Risiken sollte der Tierarzt aufklären, dabei aber die ideologische Überzeugung und die Lebensumstände der Tierhalter berücksichtigen. Besitzer möchten immer „das Beste“ für ihr Tier, entscheiden aber oft nicht nach sachlichen Kriterien, sondern werden vom Internet, von der Werbung oder von anderen Menschen beeinflusst. Bei der Rohfütterung ist unbedingt zu einer Rationsüberprüfung zu raten, da die Rezepte und Empfehlungen, die im Internet und in populärwissenschaftlichen Büchern zu finden sind, selten korrekt sind. Alle Futterzutaten sind nach denselben Hygienekriterien zu handhaben wie Lebensmittel. Ein besonders Risiko für bakterielle Kontamination stellt Fleisch aus dem Futter-Versandhandel dar. Kopffleisch, Kehlfleisch oder Schlund sollten aufgrund des möglicherweise enthaltenen Schilddrüsengewebes nicht verfüttert werden. Abzuraten ist von der Rohfütterung auch dann, wenn besonders gefährdete Personen (Kleinkinder, Schwangere, ältere oder chronisch kranke Personen) im Haushalt leben, und bei Tieren, die häufig mit solchen Personen in Kontakt kommen (im Rahmen tiergestützter Therapie und Pädagogik).

Weiterführende Literatur

  • Freeman LM, Chandler ML, Hamper BA, et al. Current knowledge about the risks and benefits of raw meat-based diets for dogs and cats. J Am Vet Med Assoc 2013;243:1549-1558.

References

  1. Billinghurst I. Give your dog a bone (self-published) 1993.
  2. Schulze KR. The Ultimate Diet: Natural Nutrition for Dogs and Cats. Affenbar Ink 1998.
  3. Handl S, Zimmermann S, Iben C. Reasons for dog owners to choose raw diets (“BARF”) and nutritional adequacy of raw diet recipes fed to dogs in Austria and Germany. In Proceedings, ESVCN congress Bydgoszcz, Poland 2012;124.
  4. Handl S, Reichert L, Iben C. Survey on raw diets (“BARF”) and nutritional adequacy of raw diet recipes fed to cats in Austria and Germany. In Proceedings, ESVCN congress Ghent, Belgium 2013;118.
  5. Axelsson E, Ratnakumar A, et al. The genomic signature of dog domestication reveals adaptation to a starch-rich diet. Nature 2013;495:360-364.
  6. Steiner JM. Pancreatitis. In: Steiner JM, (ed). Small Animal Gastroenterology. Hanover, Germany: Schültersche Verlagsgesellschaft mbH & Co 2008;285-294.
  7. National Research Council. Nutrient Requirements of Dogs and Cats. Washington, DC: The National Academies Press, 2006.
  8. Leschnik M, Gruber A, Kübber-Heiss A, et al. Epidemiological aspects of Aujeszky’s disease in Austria by the means of six cases in dogs. Wien Tierarztl Monat – Vet Med Austria 2012;99(3-4):82-90.
  9. Weese JS, Rousseau J, Arroyo L. Bacteriological evaluation of commercial canine and cat feline raw diets. Can Vet J 2005;513-516.
  10. Wendel F, Kienzle E, Bohnke R, et al. Microbiological contamination and inappropriate composition of BARF-food. In Proceedings. ESVCN congress, Bydgoszcz, Poland 2012;107.
  11. Zeugswetter FK, Vogelsinger K, Handl S. Hyperthyroidism in dogs caused by consumption of thyroid-containing head meat. Schweiz Arch Tierheilkd 2013; 155(2):149-152.
  12. Köhler B, Stengel C, Neiger R. Dietary hyperthyroidism in dogs. J Small Anim Pract 2012;53;182-184.
Stefanie Handl

Stefanie Handl

Dr. Handl schloss ihr Studium 2002 an der Veterinärmedizinischen Universität Wien ab und promovierte 2005. Anschließend arbeitete sie als Assistentin Mehr lesen

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