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Ausgabe nummer 26.2 Verhalten

Optimierung von Haltungsbedingungen und Lebensweise bei Wohnungskatzen

veröffentlicht 21/01/2021

Geschrieben von Margie Scherk

Auch verfügbar auf Français , Italiano , Español und English

Menschen profitieren vom Zusammenleben mit Gesellschaftstieren. Als Gefährten des Menschen sorgen Haustiere für eine Minderung von Stress, eine Stabilität von Routinen und eine verbesserte Gesundheit. Die optimale Haltung und Pflege unserer Katzen ist aber nach wie vor Gegenstand kontroverser Diskussionen. Es gibt sowohl kulturelle als auch regionale Unterschiede dessen, was Menschen für die beste Form der Haltung von Katzen halten.

Optimierung von Haltungsbedingungen und Lebensweise bei Wohnungskatzen

Kernaussagen

Das Leben einer Wohnungskatze ist nicht risikofrei.


Durch das Gewähren eines Zugangs nach draußen können schlechte Bedingungen einer Wohnungskatze nicht kompensiert werden.


Nicht allen Katzen gelingt es, sich problemlos an eine auf die Wohnung beschränkte Lebensweise anzupassen. Bei einigen Katzen führt die Indoor-Lebensweise zu einem erhöhten Risiko für Verhaltensprobleme oder medizinische Probleme.


Für ein erfolgreiches Leben als Wohnungskatze müssen sämtliche Umweltanforderungen und sozialen Bedürfnisse erfüllt sein. Das Wohlbefinden jeder Katze muss regelmäßig überprüft werden.


Vorhersagbarkeit, Berechenbarkeit, Vertrautheit, Routine und das Gefühl, die Kontrolle zu haben, sind Schlüsselfaktoren für die Vermeidung von Stress.


Katzen, die in der Wohnung („Indoor“) gehalten werden, haben ein geringeres Risiko, Traumata durch Verkehrsunfälle zu erleiden, Opfer von Raubtieren oder aggressiver Interaktionen mit Katzen und anderen Tieren zu werden und an Infektionskrankheiten zu erkranken.


 

Einleitung

Noch 1997 wurden zwischen50 und 60 % aller Katzen in den Vereinigten Staaten ausschließlich „Indoor“, also in der Wohnung bzw. im Haus gehalten 1 2, während die Mehrzahl der Katzen in Großbritannien Zugang nach draußen hatte 3 und einer Studie aus Melbourne in Australien zufolge 23 % der dortigen Katzen „überwiegend Indoor“ lebten 4. Warum gibt es diese „kulturellen“ Unterschiede? Die Entscheidung, eine Katze in der Wohnung zu halten, kann rein praktische Gründe haben. In der 21. Etage eines Hochhauses in einer belebten Großstadt ist es zum Beispiel nicht möglich, einen einfachen Zugang für Katzen nach draußen zu schaffen. Unabhängig von solchen praktischen Erwägungen ist unbestritten, dass die Haltung einer Katze in der Wohnung viele Risiken wie das Verirren oder Abwandern, das Vergiftungsrisiko, die Gefahr von Autounfällen, das Risiko ansteckender Krankheiten und die Gefahr kämpferischer Auseinandersetzungen mit anderen Tieren reduziert 5 6. Zudem gehen viele Besitzer davon aus, dass eine reine Wohnungshaltung auch das Risiko von Endo- und Ektoparasiten (z. B. Herzwurm, Flöhe) ausschaltet. Weitere Gründe für die ausschließliche Wohnungshaltung von Katzen sind die Vermeidung ungewollter Trächtigkeiten (bei unkastrierten Tieren) und der Schutz von Vögeln und anderer potenzieller Beutetiere.

 

 Welche Folgen hat das Leben in der Wohnung für Katzen?

Gibt es Nachteile einer ausschließlich auf die Wohnung oder das Haus beschränkten Haltung von Katzen? Es besteht hier eine erhebliche Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit, wenn Besitzer glauben, dass das Leben ihrer Wohnungskatze völlig risikofrei ist, denn auch Wohnungskatzen sind einer ganzen Reihe von Gefahren ausgesetzt. Dazu gehören unter anderem Stürze von Balkonen oder aus Fenstern, Verbrühungen oder Verbrennungen in der Küche und der Zugang zu toxischen Reinigungsmitteln, ungeeigneter Nahrung (z. B. Zwiebeln oder Knoblauch) und toxischen Zimmerpflanzen 3 (Tabelle 1). In der nordamerikanischen Veterinärliteratur findet man keine Studien zum Vergleich der Mortalität bei Wohnungskatzen und bei Katzen mit Freigang 7. Katzen wurden jedoch nicht selektiv für ein Leben gezüchtet, das sich über24 h pro Tag im Inneren einer Wohnung abspielt, und vielen Katzen gelingt es nicht, sich an ein Leben in engem Kontakt mit Menschen anzupassen 4. Damit diese Anpassung erfolgreich sein kann, muss eine Katze vor Erreichen eines Alters von acht Wochen eine vollständige und erfolgreiche Sozialisation mit Menschen durchlaufen haben 4. Einige Katzen sind jedoch für einen engen Kontakt zu Menschen ungeeignet, da Ängste auch vererbt sein können 4. Ähnliche Probleme können entstehen, wenn mehrere Katzen unterschiedlicher Herkunft integriert werden sollen. Die Voraussetzung für eine gelingende Integration ist eine frühe Sozialisation der beteiligten Katzen, aber auch dann kann es zu Problemen kommen, wenn Katzen unterschiedliche und möglicherweise inkompatible Persönlichkeiten haben (z. B. kontaktfreudig, schüchtern und unfreundlich, aktiv und aggressiv) 8.

 

 

Erhöhte Risiken bei streng auf die Wohnung beschränkter Lebensweise Erhöhte Risiken bei Zugang nach draußen
  • Erkrankungen der ableitenden Harnwege (idiopathische Zystitis und Calciumoxalaturolithiasis)
  • Dermatologische Probleme (Atopie/akrale Leckdermatitis)
  • Adipositas
  • Diabetes mellitus
  • Odontoklastische resorptive Läsionen
  • Langeweile
  • Gefahren im Haushalt (Verbrennungen, Vergiftungen, Stürze)
  • Körperliche Inaktivität, verminderte Fitness
  • Problemverhalten (Spritzen, Kratzen)
  • Verhaltensprobleme (obsessive Verhaltensweisen)
  • Hyperthyreose
  • Infektionskrankheiten (FeLV, FIV, Tollwut, Parasiten)
  • Verkehrsunfälle
  • Traumata (Stürze)
  • Alternative Traumata (andere Katzen, andere Tiere)
  • Verlorengehen, Verlaufen
  • Diebstahl
  • Vergiftung
Tabelle 1. Vergleich der Risiken unterschiedlicher Lebensweisen (modifiziert nach ( 3 )).

Abbildung 1. Psychologischer und physiologischer Stress können zu unerwünschten Problemen wie Harnmarkieren führen.

Abbildung 1. Psychologischer und physiologischer Stress können zu unerwünschten Problemen wie Harnmarkieren führen. © Terry Curtis/Margie Scherk

Eine monotone und allzu vorhersagbare Umgebung führt zu Stress 9. In solchen Situationen sind Katzen möglicherweise nicht in der Lage, ihre arteigene Natur auszuleben. Der daraus entstehende psychologische und physiologische Stress kann zu problematischen Verhaltensweisen (unerwünschte natürliche Verhaltensweisen wie Harnspritzen oder Kratzen), Verhaltensproblemen (z. B. obsessive Körperpflege, „Overgrooming“) oder körperlichen Erkrankungen führen. Anzeichen von Stress und Angst können offensichtlich sein (z. B. Veränderungen des Appetits, „Overgrooming“, übermäßiges Vokalisieren, Verstecken, vermehrte Wachsamkeit, Aggression, Harnspritzen oder Zwangsverhalten (Abbildung 1)), oder subtilerer Natur (z. B. Verminderung von Aktivität, Spielen, Erkundungsverhalten, Gesichtsmarkieren, affiliativer Interaktionen mit Menschen oder anderen Tieren) 10.

Bestimmte körperliche Erkrankungen kommen bei Wohnungskatzen häufiger vor (Tabelle 1), obgleich man hier einwenden könnte, dass Wohnungskatzen generell unter engerer Beobachtung stehen, so dass krankheitsbedingte Verhaltensänderungen eher auffallen. Zudem werden diese Tiere in der Regel intensiver und häufiger tierärztlich betreut, so dass Erkrankungen im Allgemeinen häufiger diagnostiziert werden als bei Katzen mit Freigang, dies ist aber lediglich eine Annahme. Eine Quelle stellt fest, dass „die Disparität zwischen physischen und psychologischen Stressoren eine Illusion ist und die Abwehrmechanismen auf beide Stressoren auf eine adaptive und sinnvolle Weise reagieren“ 11.


Was Katzen brauchen, um Katzen zu sein

Um Stress für Katzen mindern zu können, müssen wir zunächst verstehen, wer und was Katzen sind und was sie brauchen. Katzen sind territoriale Tiere, und ihre Territorien orientieren sich an essenziellen Ressourcen, in erster Linie an der Nahrung. Sowohl Kater als auch Kätzinnen kennzeichnen ihre Territorien mit olfaktorischen Markierungen: Harnspritzen, Reiben an Gegenständen und Kratzen an vertikal orientierten Oberflächen (sowohl olfaktorische als auch visuelle Signale). Katzen organisieren den Zugang zu wichtigen Ressourcen zum Teil auch nach dem Prinzip des „Time-Sharing“, um Konfrontationen zu umgehen, indem sie den direkten Kontakt zu Artgenossen vermeiden. Kämpferische Auseinandersetzungen sind in der Regel nur der letzte Ausweg, wenn eine Flucht nicht möglich ist. Katzen brauchen geschützte private Bereiche zum Verstecken, um ein Gefühl der Sicherheit zu haben, um zu beobachten, um ungestört zu ruhen und zu schlafen. Erhöht gelegene Sitzflächen und Rückzugsorte geben der Katze die Möglichkeit, Eindringlingen, Beutegreifern und anderen Bedrohungen aus dem Weg zu gehen. Katzen leben entweder allein oder in sozialen Gruppen. Katzenkolonien bestehen in der Regel aus verwandten weiblichen Katzen und deren Nachkommen, während Kater meist nur aus Gründen der Reproduktion hinzustoßen, sich aber durchaus auch an der Pflege verwandter Jungtiere beteiligen, bis diese entweder die sexuelle oder die soziale Reife erreicht haben 12.

Die erstmals im Jahr 1965 beschriebenen „Five Freedoms“ zur Definition des Wohlbefindens landwirtschaftlicher Nutztiere* wurden später für Katzen adaptiert 3:

  1. Nahrung und Trinkwasser: Eine ausgewogene Nahrung, die den Energie- und Nährstoffbedarf in jedem Lebensabschnitt deckt, und frisches Wasser.
  2. Eine geeignete Umgebung: Angemessener Raum und Schutz mit ausreichend Licht, niedrigem Geräuschpegel und ohne extreme Temperaturen. Diese Umgebung kann auf die Wohnung beschränkt sein („Indoor“) oder einen Zugang nach draußen bieten („Outdoor“).
  3. Medizinische Versorgung: Impfung, Kastration, Parasitenkontrolle, individuelle Kennzeichnung (Mikrochip, Halsband) und Zugang zu tierärztlicher Versorgung.
  4. Möglichkeiten zum Ausleben der meisten normalen, arttypischen Verhaltensweisen, auch gegenüber Artgenossen und Menschen.
  5. Schutz vor Bedingungen, die zu Angst/Distress führen können.

* The Brambell Report, December 1965 (HMSO London, ISBN 0 10850286 4)

Die große Mehrzahl der Wohnungskatzen genießt zwar eine bedarfsgerechte Versorgung mit Nahrung und Wasser sowie eine gute medizinische Versorgung im Krankheitsfall, viele dieser Tiere haben aber nicht die Möglichkeit, ihr normales, katzentypisches Verhalten auszuleben. Mögliche Folgen dieses Mangels sind Distress, Angst, unerwünschtes Verhalten und Krankheiten. Zum normalen, arttypischen Verhalten der Katzen gehören Spielen, Erkunden, Beobachten, Jagen, Nahrung aufnehmen, Trinken, Körper- und Fellpflege, Kratzen, Umherstreifen, Geruchsmarkieren, Kot- und Harnabsatz, Ruhen und Schlafen 13 14 15. Katzen sind zudem dämmerungsaktive Tiere, das heißt, ihre Aktivitätshöhepunkte liegen in der Morgen- und Abenddämmerung.


Wohnungskatzen und Adipositas

Die ausschließliche Wohnungshaltung prädisponiert Katzen für Adipositas. Hierfür gibt es mehrere Gründe, an erster Stelle steht natürlich die offensichtlichste Ursache: die Katze nimmt mehr Kalorien auf, als sie verbraucht. In der Wirklichkeit sind Dinge allerdings etwas komplizierter. In der Natur haben freilebende Katzen keinen unbegrenzten Zugang zu Nahrung. Um Nahrungsmangel und Unterernährung zu vermeiden, ist der Trieb, zu spähen, zu verfolgen, ein Beutetier zu schlagen und zu töten permanent aktiv, und in der Regel muss eine Katze für einen erfolgreichen Beutefang mehrere Jagdversuche unternehmen 16. Bei den meisten Beutetieren der Katze handelt es sich um kleine Säugetiere oder Vögel, und eine Katze benötigt bis zu 100 Jagdversuche pro Tag, um ihren Kalorienbedarf zu decken (10-20 kleine Beutetiere). Hierbei handelt es sich um eine intellektuell stimulierende und körperlich fordernde Tätigkeit.

Unsere modernen Hauskatzen erhalten ihre Nahrung dagegen in der Regel ohne größere Anstrengung. Übergewicht entsteht, weil Katzen zu viel fressen und ihre Nahrung häufig eine sehr hohe Energiedichte aufweist. Eine Maus (= 30 kcal) entspricht aus energetischer Sicht etwa 10 Kroketten einer durchschnittlichen Erhaltungstrockennahrung. Bekommt die Katze jeden Tag nur 10 zusätzliche Kroketten, so kann dies im Laufe eines Jahres zu einer Gewichtszunahme von 10 % (knapp 500 g) führen. Besitzer lieben es, ihre Katze fressen zu sehen, und interpretieren Zuwendung und Kontaktaufnahme seitens der Katze, einhergehend mit neugierigem, verbalisierendem oder reibendem Verhalten oft als ein Verlangen nach Nahrung. Das Belohnen solcher Verhaltensweisen mit Futter verstärkt das Verhalten der Katze, und der Besitzer hat das gute Gefühl, gebraucht zu werden und seinem Tier etwas Gutes zu tun. Auf diese Weise trainieren wir Katzen aber unabsichtlich darauf, nach Nahrung zu betteln, und auf der anderen Seite trainieren die Katzen uns darauf, auf ihre Langeweile oder andere nicht erfüllte Bedürfnisse mit der Gabe von Nahrung zu reagieren.

Die Kastration mindert den Energiebedarf einer Katze bzw. eines Katers um 7 bis 33 % (die meisten Studien geben 20-25 % an). Darüber hinaus induziert das Füttern die Freisetzung neurochemischer Substanzen, die dafür sorgen, dass sich die Katze wohlfühlt. So wird die Nahrungsaufnahme zu einem Trost für negative Erfahrungen (Distress, Furcht) oder Langeweile. Wenn Katzen in einem Mehrkatzenhaushalt aufgrund einer unvollständigen Sozialisation gestresst sind, können sie dies durch Überfressen zum Ausdruck bringen, insbesondere, wenn ihnen kein ausreichender, katzengerechter Rückzugsraum zur Verfügung steht.

Adipositas ist ein großes Problem bei Katzen. Einer Studie 17 zufolge sind die mit Übergewicht oder Adipositas assoziierten Risikofaktoren zum einen die Häufigkeit der Fütterung und zum anderen der Kastrationsstatus, und zwar unabhängig davon, ob Katzen ausschließlich in der Wohnung leben oder Freigang haben. In der Studie nahmen Katzen, die zwei bis drei Mal täglich gefüttert wurden, mit höherer Wahrscheinlichkeit zu viel Nahrung auf als Katzen, die ad libitum gefüttert wurden. Diese Ergebnisse widersprechen den Befunden anderer Studien und unterstreichen die wichtige Bedeutung der Aufklärung der Besitzer hinsichtlich Menge und Art der zu fütternden Nahrung. Viele speziell für Wohnungskatzen entwickelte Nahrungen weisen einen höheren aus Proteinen stammenden Kalorienanteil auf, um die herabgesetzte körperliche Aktivität zu kompensieren. Zudem sind diese Nahrungen oft mit Fasern angereichert, um die Kotqualität zu verbessern, den Kotgeruch zu mindern und die Darmmotilität zu fördern, um die Bildung von Haarballen zu reduzieren.

Optimierung der Umgebung von Wohnungskatzen

Bei der Optimierung des Lebensraumes in der Wohnung für Katzen müssen zwei zentrale Aspekte berücksichtigt werden: Der erste ist die Reduzierung stressreicher Stimuli, der zweite die Verbesserung und Bereicherung der Umgebung. Zum Teil überschneiden sich diese beiden Bereiche. So stellt zum Beispiel Langeweile keine direkte Bedrohung für eine Katze dar, wie zum Beispiel die Konfrontation mit einem anderen Haustier, sie kann aber dennoch eine Ursache von Stress sein.

Stress ist die Folge unangenehmer, noxischer Stimuli, die nicht vorhersehbar und nicht kontrollierbar sind 18. Diese Stimuli können physikalischer oder sozialer Natur sein. Erfahrungen in frühen Lebensabschnitten, aber auch die Genetik haben einen Einfluss auf die Fähigkeit eines Individuums, sich verschiedenen Situationen anzupassen. Dabei ist eine monotone, reizarme Umgebung ebenso wenig wünschenswert wie ein chaotisches Umfeld mit übermäßig vielen fremden und neuartigen Stimuli, wie zum Beispiel ein neuer Mitbewohner im Haushalt, Veränderungen von Routinen oder der physikalischen Umwelt. Auch schlechte Beziehungen zu anderen Tieren oder Menschen sind stressreich für die Katze. Ein Konkurrenzkampf um Ressourcen kann real sein (mit einem anderen Tier oder einem neckenden Menschen) oder als ein solcher wahrgenommen werden (Unfähigkeit, Ressourcen zu erreichen, Angst vor einem Hinterhalt). Die meisten Angststörungen (z. B. Harnspritzen) sind eine Folge von sozialem oder umweltbedingtem Stress 12. Wenn immer möglich, sollte die Quelle des Stresses identifiziert und eliminiert werden. Sehr hilfreich ist dabei eine Reduzierung von Diskontinuität und die Schaffung besser vorhersehbarer, harmonischer Routinen und Umweltbedingungen. Wenn es sich bei dem auslösenden Stimulus um einen Mitbewohner der Katze handelt (z. B. eine andere Katze oder ein Mensch), ist eine langsame, graduelle und schonende Wiedereinführung, gepaart mit einer positiven Verstärkung erforderlich, um die Erfahrung der Katze umzugestalten.

Wenn eine Veränderung von Routinen unvermeidlich ist, kann eine proaktive, positive Konditionierung hilfreich sein. Um zum Beispiel einen Besuch beim Tierarzt vorzubereiten, kann man die Katze im Vorfeld dazu ermutigen, den Transportkorb positiv zu betrachten, indem man Futter in den Korb legt, um so dessen Attraktivität und Sicherheit zu verstärken.

Die Bereicherung der Umgebung bezieht sich sowohl auf die physikalische als auch auf die soziale Umwelt der Katze und sollte auch eine temporale Komplexität (d. h. Variabilität) einschließen 15. Ziel ist es, der Katze mehr behaviorale Diversität zu bieten, die Nutzung des vorhandenen Raumes zu fördern, die Mensch-Katze-Beziehung zu verstärken und – letztlich – die Fähigkeit des Individuums zu verbessern, mit Widrigkeiten umzugehen und diese zu bewältigen, um auf diese Weise die Expression abnormen oder unerwünschten Verhaltens zu mindern 3.

Abbildung 2. Wenn sie als Welpen gut sozialisiert wurden und ausreichend Raum mit einer adäquaten Anzahl räumlich getrennter Ressourcen haben, können Katzen gut zusammenleben

Abbildung 2. Wenn sie als Welpen gut sozialisiert wurden und ausreichend Raum mit einer adäquaten Anzahl räumlich getrennter Ressourcen haben, können Katzen gut zusammenleben. © Terry Curtis/Margie Scherk

Abhängig von der Verfügbarkeit wichtiger Ressourcen bewegen sich freilaufende Katzen über riesige Areale von etwa 0,5 bis 990 Hektar. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass eine Wohnung für die durchschnittliche Katze einen zu kleinen Lebensraum darstellt. Durch die Aufnahme nicht verwandter und/oder fremder Katzen wird diese Situation zusätzlich verschlimmert 12. Ein geeigneter Lebensraum in der Wohnung sollte aus mindestens zwei Räumen bestehen, Katzen brauchen aber auch komplexe, stimulierende, dreidimensionale Strukturen. Mit Hilfe von Klettermöglichkeiten kann die Katze die notwendige räumliche Distanz zu anderen Katzen erreichen und ihre Umgebung aus sicherer Warte beobachten, um verdächtige oder bedrohliche Situationen vorherzusehen und sich diesem gegebenenfalls zu entziehen 3. Die meisten Katzen kommen in einem Mehrkatzenhaushalt nicht besonders gut zurecht, wenn sie nicht zusammen mit ihren Mitbewohnern sozialisiert wurden. An Freigang gewöhnte adulte Katzen können Schwierigkeiten haben, sich auf eine ausschließlich auf die Wohnung beschränkte Lebensweise umzustellen. Wenn sie jedoch als Welpen gut sozialisiert wurden, langsam und schonend an die neuen Katzen gewöhnt werden (über mehrere Monate) und ein ausreichendes Raumangebot mit einer ausreichenden Zahl räumlich voneinander getrennter Ressourcen haben, ist ein gutes Zusammenleben mehrerer Katzen durchaus möglich (Abbildung 2). Katzen können aber auch problemlos mit einem Hund oder anderen Gesellschaftstieren zusammenleben, wenn die unterschiedlichen Mitbewohner auf die richtige Weise aneinander gewöhnt wurden.

 

Was können wir tun, um den Lebensraum einer Katze zu optimieren?

Neuere Richtlinien 19 definieren „fünf Säulen einer gesunden, katzengerechten Umwelt“:

 

Abbildung 3. Verstecken ist ein essenzielles Bewältigungsverhalten für Katzen. In einem Mehrkatzenhaus ist es jedoch wichtig, dass sich eine Katze nicht in die Enge getrieben und ausweglos gefangen fühlt.

Abbildung 3. Verstecken ist ein essenzielles Bewältigungsverhalten für Katzen. In einem Mehrkatzenhaus ist es jedoch wichtig, dass sich eine Katze nicht in die Enge getrieben und ausweglos gefangen fühlt. © Terry Curtis/Margie Scherk

Sichere Rückzugsorte: Dies sind Orte, an denen die Katze ohne Angst ruhen, entspannen und schlafen kann. Zudem müssen Katzen in der Lage sein, ihre Umgebung von diesen Rückzugsorten oder von anderen Stellen aus zu beobachten. Diese Orte sind also oft erhöht gelegen. Eine Vertiefung in einer erhöht gelegenen Liege- oder Sitzfläche gibt der Katze ein zusätzliches Gefühl der Geborgenheit und Kontrolle. Verstecken ist ein ganz wesentliches Bewältigungsverhalten bei Katzen. Das Fehlen von Versteckmöglichkeiten kann zur Entstehung von Stress und Krankheit beitragen 12 (Abbildung 3). In einem Haushalt mit mehr als einer Katze oder mit einem Hund oder Menschen, der in den vermeintlich sicheren Rückzugsort der Katze eindringen könnte, muss verhindert werden, dass sich die Katze dadurch in die Enge getrieben fühlt. Ein aus Sicht der Katze sicherer Rückzugsort muss daher immer mehr als einen Zugang bzw. Ausgang haben. Pro Katze sollte in einem Haushalt mindestens ein von den anderen räumlich getrennter, sicherer Rückzugsort zur Verfügung stehen. Die Lage solcher Rückzugsorte kann unter anderem auch von körperlichen Einschränkungen einzelner Katzen abhängig sein. So benötigt zum Beispiel eine Katze mit eingeschränkter Mobilität die Möglichkeit eines Zugangs über eine Rampe oder einen niedriger gelegenen und einfach zugänglichen Rückzugsort.

Abbildung 4. Katzentoiletten müssen in der gesamten Wohnung verteilt aufgestellt werden und sollten ausreichend groß und sauber sein. Katzen haben unterschiedliche Präferenzen bezüglich Art und Tiefe der Katzenstreu, sandartige Substrate oder feine Tongranulate werden jedoch von den meisten Katzen gern angenommen.

Abbildung 4. Katzentoiletten müssen in der gesamten Wohnung verteilt aufgestellt werden und sollten ausreichend groß und sauber sein. Katzen haben unterschiedliche Präferenzen bezüglich Art und Tiefe der Katzenstreu, sandartige Substrate oder feine Tongranulate werden jedoch von den meisten Katzen gern angenommen.
© Terry Curtis/Margie Scherk

Multiple und räumlich getrennte Schlüsselressourcen: Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich das Territorium in erster Linie an der Verfügbarkeit von Ressourcen orientiert, müssen Katzen stets Zugang zu sämtlichen Schlüsselressourcen haben. Wichtig ist dabei der Aspekt der Sicherheit, das heißt, der Zugang zu diesen Ressourcen darf nicht mit tatsächlichen oder als solchen wahrgenommenen Gefahren verbunden sein. Grundlegende Ressourcen sind Nahrung, Trinkwasser, Katzentoiletten, Kratzmöglichkeiten und Spielgelegenheiten, aber auch sichere Rückzugsorte, an denen Katzen beobachten, ruhen und schlafen können. Katzen leben zwar oft in sozialen Gruppen zusammen, sie jagen und fressen aber allein 20. Auch wenn Katzen Beutegreifer sind, laufen sie Gefahr, selbst zum Opfer zu werden, wenn sie überrascht werden. In Mehrkatzenhaushalten können überdachte Katzentoiletten daher aufgrund einer tatsächlichen Gefahr oder einer empfundenen Angst vor einem Angriff durch Artgenossen zu Stress führen. Die räumliche Trennung von Ressourcen reduziert den Konkurrenzkampf unter den Katzen sowie die Gefahr, das Opfer eines Überfalls von Artgenossen zu werden und den damit verbundenen Stress für die Katzen. Sämtliche Ressourcen sollten daher in ausreichender Zahl an verschiedenen, räumlich von einander getrennten Orten in der Wohnung verteilt angeboten werden und nicht etwa konzentriert in einem einzigen speziell hierfür vorgesehenen „Katzenzimmer“ 20. Darüber hinaus sollten Katzen bei jeder Ressource eine Wahlmöglichkeit haben, das heißt, es sollten immer mindestens zwei Fütterungsbereiche, zwei Wassernäpfe, zwei Katzentoiletten etc. zur Verfügung stehen. Katzentoiletten müssen eine ausreichende Größe aufweisen – mindestens die 1,5-fache Länge der Katze (Abbildung 4) –, in ausreichender Zahl vorhanden sein – mindestens eine Toilette pro Katze – und stets sauber sein. Individuelle Katzen haben unterschiedliche Präferenzen bezüglich Art und Tiefe der Katzenstreu. Sandartige Katzenstreu oder Einstreu aus feinem Tongranulat wird im Allgemeinen jedoch von den meisten Katzen gut angenommen, da diese Materialien den in freier Wildbahn gewählten natürlichen Substraten wie Erde und Sand am ehesten entsprechen. Wie andere Ressourcen müssen Katzentoiletten im Haushalt verteilt werden, abgeschirmt von Quellen mit unerwarteter Lärmentwicklung (z. B. Waschmaschine, Boiler). Mindestens einmal täglich müssen Katzentoiletten grob gereinigt (am besten häufiger) und einmal pro Woche vollständig geleert und ausgewaschen werden.

Kratzmöglichkeiten müssen massiv und stabil sein. Geeignet sind zum Beispiel schwere, unbewegliche Pfosten, die mit Teppich oder Sisal-, Binsen- oder Rattanmatten überzogen sind und am Boden oder an der Wand befestigte Wellpappe. Trinkstationen können aus verschiedenen Näpfen, Vasen und Brunnen oder einem tropfenden Wasserhahn bestehen. Wichtig ist, dass Katzen immer uneingeschränkten Zugang zu frischem Trinkwasser haben. Im sicheren heimischen Umfeld können die Tasthaare der Katze den Rand des Futter- oder Wassernapfes berühren, während Näpfe in fremder oder unsicherer Umgebung wie zum Beispiel in der tierärztlichen Klinik breit und flach sein sollten (Abbildung 5a) (Abbildung 5b). Grund hierfür ist, dass die Katze mit ihren Tasthaaren Luftbewegungen wahrnimmt. Wenn eine Katze also das Bedürfnis hat, besonders wachsam zu sein (z. B. in der ungewohnten Umgebung einer Klinik), kann ein, Napf, der diese Fähigkeit einschränkt, dazu führen, dass die Katze diesen Napf meidet. In Situationen, in denen Katzen eine Bindung untereinander haben und derselben sozialen Gruppe angehören, können sie Ressourcen auch gemeinsam nutzen. Eine räumliche Trennung zwischen verschiedenen Ressourcen ist aber auch in diesen Fällen erforderlich (z. B. sollte der Wassernapf nicht unmittelbar neben dem Futternapf stehen), und für jede Katze sollte mindestens eine Fütterungsstation zur Verfügung stehen.

Abbildung 5a. In einer sicheren heimischen Situation können die Tasthaare der Katze den Rand des Futter­ oder Wassernapfes berühren.

Abbildung 5a. In einer sicheren heimischen Situation können die Tasthaare der Katze den Rand des Futter­ oder Wassernapfes berühren. © Royal Canin/Youri Xerri

In einer Klinik sollten die Schalen jedoch einen großen Durchmesser und flach sein

Abbildung 5b. In einer Klinik sollten die Schalen jedoch einen großen Durchmesser und flach sein. © Royal Canin/Youri Xerri

Beschäftigungsbedürfnisse: Spielen und Jagen sind elementare Grundbedürfnisse der Katze. Das Jagen und das Beutemachen füllen einen großen Teil der täglichen Aktivität einer Katze. Katzen sollten deshalb die Möglichkeit haben, sämtliche Aspekte ihres sequenziellen Beutefangverhaltens auszuleben: Suchen, Anpirschen, Verfolgen, Schlagen, Töten, Zerlegen und schließlich Fressen der Beute. Bei Wohnungskatzen äußert sich dies in Form eines spielerischen Jagd- und Beutefangverhaltens. Kann eine Katze diese Grundbedürfnisse nicht ausleben, neigt sie eher zu Problemen wie Langeweile, Frustration und Adipositas. Katzen spielen meist allein mit sich selbst oder mit ihrem Besitzer, aber selten in einer Gruppe mit anderen Katzen, es sei denn, sie sind zusammen aufgewachsen. Wichtig ist, dass ein ausreichender räumlicher Abstand zwischen spielenden Katzen eingehalten wird (> drei Meter) oder dass zu unterschiedlichen Zeiten gespielt wird. Auch das Erkunden und Entdecken neuer, unbekannter Objekte wie Kisten oder Körbe sorgt für Stimulation. Verschiedene Katzen bevorzugen unter Umständen unterschiedliche Spielzeuge 21. Weitere mental stimulierende Aktivitäten sind das Anregen des Beutefangverhaltens mit Hilfe von Futter oder die Verwendung futterspendender Spielzeuge (z. B. „Puzzle-Feeder“).

Abbildung 6. Visuelle Stimulation ist wichtig für Katzen. Mindestens ein Ruheplatz (z. B. eine Plattform auf einem Klettergerüst) sollte daher einen sicheren Blick nach draußen ermöglichen.

Abbildung 6. Visuelle Stimulation ist wichtig für Katzen. Mindestens ein Ruheplatz (z. B. eine Plattform auf einem Klettergerüst) sollte daher einen sicheren Blick nach draußen ermöglichen. © Terry Curtis/Margie Scherk

Das Kratzen ist ein essenzielles Bedürfnis von Katzen. Es dient nicht nur dem Schärfen der Krallen und dem Abstreifen der Krallenhülsen, sondern auch dem Strecken des Körpers und der olfaktorischen und optischen Markierung vertikaler Oberflächen. Neben der Schaffung geeigneter vertikaler Kratzflächen können Besitzer die Krallen der Katze über eine positive, belohnungsbasierte (Leckerchen) Verstärkung schneiden. Sind Besitzer besorgt über mögliche Beschädigungen von Möbeln durch das Kratzverhalten ihrer Katze, können Krallenkappen Abhilfe schaffen (aber auch hier müssen die Krallen weiterhin regelmäßig geschnitten werden) oder doppelseitiges Klebeband an bestimmten Oberflächen oder Gegenständen als Abschreckungsmittel eingesetzt werden. Auch Bewegungsmelder, die unangenehme Geräusche oder Luftstöße abgeben, können zum Schutz entsprechender Oberflächen eingesetzt werden. Solche Hilfsmittel müssen jedoch sehr vorsichtig und mit Bedacht eingesetzt werden, und parallel muss erwünschtes Verhalten mit Hilfe von Belohnungen positiv verstärkt werden. Visuelle Stimulation ist wichtig für Katzen. Mindestens ein sicherer Ruheplatz (Fensterbank, Klettergerüst) sollte der Katze einen freien Blick nach draußen ermöglichen (Abbildung 6). Videoaufnahmen von Vögeln, Mäusen und Eichhörnchen bieten sowohl visuelle als auch akustische Stimuli und können insbesondere dann hilfreich sein, wenn die Katze keine Möglichkeit hat, den Außenbereich zu sehen oder zu hören. Ein Tischtennisball in einer leeren Badewanne über 30 Minuten täglich verschafft der Katze neben körperlicher Bewegung auch eine visuelle und akustische Stimulation. Katzengras sorgt für einen texturierten gustatorischen Stimulus, den viele Katzen sehr genießen. Das Rollen auf einer weichen, texturierten Matte (besprüht mit Katzenminze) sorgt für eine taktile Stimulation.

Abbildung 7. Mit Katzenminze gefüllte Spielzeuge können als vergnügliche olfaktorische Stimulanzien dienen

Abbildung 7. Mit Katzenminze gefüllte Spielzeuge können als vergnügliche olfaktorische Stimulanzien dienen. © Terry Curtis/Margie Scherk

Respektieren des Geruchssinns der Katze: Katzen setzen ihren Geruchssinn in weitaus höherem Maße zur Wahrnehmung ihrer Umwelt ein als Menschen. Darüber hinaus detektieren Katzen Pheromone, die sie zur Kommunikation untereinander einsetzen. Die durch Menschen unbewusst oder absichtlich geschaffene olfaktorische Umwelt kann einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden von Katzen haben. Lufterfrischer, Reinigungsprodukte, Parfüm und parfümierte Katzenstreu werden von uns Menschen möglicherweise als angenehm empfunden, wirken für Katzen aber nicht selten erdrückend, bedrohlich oder verwirrend. Auch von außen über Schuhe oder Besucher hereingetragene Gerüche können von Katzen als bedrohend empfunden werden. Generell sollte in einem Katzenhaushalt die Anwendung stark duftender oder parfümierter Produkte so weit wie möglich eingeschränkt werden, und Schuhe oder Einkaufstaschen sollten im Eingangsbereich der Wohnung abgestellt werden, um die wahrgenommene Bedrohung zu reduzieren. Katzenminze (Nepeta cataria), Holz der Tartaren-Heckenkirsche (Lonicera tatarica), Baldrianwurzel („Katzenkraut“) (Valeriana officinalis) und Matatabi-Blätter (Actinidia polygama) können als angenehme olfaktorische Stimulanzien eingesetzt werden (Abbildung 7). Die Verwendung vertraut riechender Kleidungsstücke oder Liegeunterlagen zu Hause oder in der Praxis/Klinik kann der Katze ein Gefühl der Sicherheit und Vertrautheit vermitteln. Die Liegeunterlagen der Katzen sollten nicht alle gleichzeitig gewaschen werden, damit eine olfaktorische Kontinuität gewährleistet ist, das heißt, immer einige Unterlagen mit der vertrauten Witterung vorhanden sind. Neue Gegenstände, wie zum Beispiel Möbel sollten mit dem Geruchsprofil der Katze „kontaminiert“ werden, indem man sie zum Beispiel mit einem Handtuch abreibt, das zuvor in Kontakt mit den Geruchsdrüsen der Katze war. Diese im Bereich von Nase und Maul, in der Temporalregion, am Schwanz, am dorsalen Schwanzansatz und zwischen den Zehen gelegenen Drüsen bilden eine Vielzahl unterschiedlicher Pheromone. Wenn die Katze Oberflächen oder eine Ecke durch Reiben mit dem Gesicht oder durch Kratzen markiert, deponiert sie dort ihren Geruch und kennzeichnet diese Bereiche somit als vertraut. Solche Duftmarkierungen sollten nach Möglichkeit nicht abgewaschen werden. Massive, stabile Kratzmöglichkeiten (vertikal oder horizontal) an mehreren Stellen in der Wohnung (insbesondere im Eingangsbereich) bieten der Katze die Möglichkeit, eine „Sicherheit“ zu schaffen, ohne ihr Territorium durch Harnspritzen markieren zu müssen. Synthetische Pheromone, die bestimmte Fraktionen der felinen Gesichtspheromone nachahmen, sind in vielen Ländern kommerziell erhältlich und können die Schaffung eines Gefühls der Sicherheit und Vertrautheit der Katze unterstützen.

Margie Scherk

Wenn die Umwelt- und Sozialanforderungen von Katzen erfüllt sind und ausreichend Raum und Ressourcen zur Verfügung stehen, können sich viele Katzen gut an eine ausschließlich auf die Wohnung beschränkte Haltung anpassen, insbesondere, wenn sie bereits ab einem sehr frühen Alter an eine solche Lebensweise gewöhnt werden.

Margie Scherk

Das soziale Umfeld: Konstanz und Vorhersehbarkeit sind die Schlüssel für positive Mensch-Katze-Interaktionen. Entscheidend für ein erfolgreiches Zusammenleben mit Menschen ist die bei Katzenwelpen im Alter zwischen zwei und acht Wochen stattfindende Sozialisation. Während dieser wichtigen Prägungsphase sollten die kleinen Katzen intensiven Kontakt zu mindestens vier verschiedenen Menschen haben und auf sanfte Weise an zahlreiche, kurze, positiv verstärkte Erfahrungen mit Menschen herangeführt werden. Menschliche Aufmerksamkeit und Zuwendung sind sehr wichtig, im Gegensatz zur landläufigen Meinung bevorzugen viele Katzen jedoch eher häufige und zeitlich begrenzte soziale Interaktionen mit Menschen. Zudem bevorzugen es Katzen, Zeitpunkt, Ort und Dauer sozialer Kontakte selbst zu bestimmen. Je mehr der Besitzer auf die Zuwendung von Seiten der Katze eingeht, desto stärker wird letztlich die Katze-Mensch-Bindung sein. Nach der ersten Kontaktaufnahme durch Beschnuppern des Menschen bevorzugen es die meisten Katzen, im Bereich von Kopf und Hals gestreichelt zu werden und weniger am ganzen Körper. Entscheidet sich die Katze dafür, den Kontakt zu beenden und sich zurückzuziehen, sollte man sie nicht verfolgen. Natürlich sind Katzen Individuen, und einige bevorzugen durchaus ein bestimmteres, energisches Spielen. Wenn man sich aber mit einer Katze vertraut machen möchte, sollte man sich zunächst auf das Streicheln von Kopf und Hals beschränken. Ein direkter, fixer Augenkontakt (Anstarren) wird von Katzen als Bedrohung empfunden. Einige Katzen bevorzugen es, gestreichelt oder gebürstet zu werden, während andere ihre Interaktionen mit Menschen am liebsten im Spiel ausleben.

Katzen verbringen mehr als dreieinhalb Stunden täglich mit der Körper- und Fellpflege 14, einem für Katzen ohne Zweifel sehr wichtigen Verhalten. Wenn eine Katze allein lebt, also keine andere Katze hat, die sie pflegen kann und von der auch sie gepflegt wird, muss unter Umständen der Besitzer einspringen. Wie beim Streicheln gilt aber auch hier, dass Kämmen und Bürsten zunächst auf den Kopf- und Halsbereich beschränkt bleiben sollten, es sei denn, die Katze signalisiert eindeutig, dass der Besitzer dabei auch andere Körperregionen berücksichtigen möge 15 20.

Das Beste aus zwei Welten

Wenn immer möglich, sollten sichere Alternativen zu einer strikten Wohnungshaltung in Betracht gezogen werden. Eine Möglichkeit wären sichere und dennoch ausreichend Stimulation bietende eingezäunte Bereiche, die verhindern, dass Katzen entkommen bzw. andere Tiere eindringen. Verschiedene katzenfreundliche Zaunsysteme und Freigehege stehen zur Verfügung (Abbildung 8). Schließlich kann man einige Katzen auch an das Spazierengehen mit einem Geschirr oder an der Leine gewöhnen. Generell sollten Katzen aber die Möglichkeit haben, ihre Umgebung auf eigene Faust zu erkunden und dabei nicht geführt werden 3 4.

Abbildung 8. Beispiel für einen katzenfreundlichen, eingefriedeten Außenbereich.

Abbildung 8. Beispiel für einen katzenfreundlichen, eingefriedeten Außenbereich. © Sally Lester

Wenn die Umwelt- und Sozialanforderungen von Katzen erfüllt sind und ausreichend Raum und Ressourcen zur Verfügung stehen, können sich viele Katzen gut an eine ausschließlich auf die Wohnung beschränkte Haltung anpassen, insbesondere, wenn sie bereits ab einem sehr frühen Alter an eine solche Lebensweise gewöhnt werden. Bei adulten Katzen, die bereits an eine Lebensweise mit freiem Zugang nach draußen gewöhnt sind, können sich solche Anpassungen jedoch als sehr schwierig erweisen. Auf der Grundlage unseres derzeitigen Wissensstandes können wir die Frage, ob eine streng auf die Wohnung beschränkte „Indoor“-Lebensweise einer „Outdoor“-Lebensweise mit Zugang nach draußen vorzuziehen ist, nicht eindeutig beantworten. Beide Optionen gehen mit bestimmten Risiken einher, haben aber auch unbestrittene Vorteile. Jeder Fall sollte daher individuell beurteilt werden, und gegebenenfalls sollten regelmäßige Überprüfungen und Neubewertungen des Wohlbefindens von Katze und Besitzer sowie der Umweltbedingungen erfolgen.

Literatur

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Margie Scherk

Margie Scherk

Margie ist 1982 Absolventin des Ontario Veterinary College und hat seit 1995 die Zertifizierung für Katzenarten durch das ABVP erhalten. Mehr lesen

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