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Veterinary Focus

Ausgabe nummer 31.2 Sonstiges Wissenschaft

Diagnostisches Vorgehen bei Hunden mit Otitis

veröffentlicht 28/10/2021

Geschrieben von Hannah Lipscomb und Filippo De Bellis

Auch verfügbar auf Français , Italiano , Español und English

Hunde mit Otitis sind eine häufige Herausforderung für Tierärzte in erstbehandelnden Praxen. Eine erfolgreiche Behandlung basiert auf der Berücksichtigung der multiplen Ursachen und Faktoren, die an der Pathogenese dieser Erkrankung beteiligt sind, wie uns Hannah Lipscomb und Filippo De Bellis erläutern.

© Shutterstock

English Cocker Spaniel Dog Vet Focus 31.2

Key points

Bei der Erstvorstellung eines Patienten mit Otitis sollte immer ein ausführlicher Vorbericht erhoben werden, gefolgt von einer klinischen und dermatologischen Untersuchung, einer Otoskopie und der Entnahme von Ohrtupferproben.


Routinemäßige mikrobiologische Kulturen bei allen Otitispatienten sind nicht angezeigt, da die Ergebnisse nicht zwischen residenten kommensalischen Bakterien, bakterieller Überwucherung und infektiösen Organismen unterscheiden können.


Bildgebende Verfahren zur Unterstützung der Ohrdiagnostik umfassen Röntgen, Ultraschall, Computertomographie und Magnetresonanztomographie.


Einleitung

Otitiden werden in erstbehandelnden tierärztlichen Praxen regelmäßig festgestellt 1, und repräsentieren etwa 10 bis 20 % aller in Kleintierpraxen vorgestellten kaninen Fälle 2. Eine Otitis externa (Entzündung des äußeren Gehörgangs) wird im typischen Fall kompliziert durch eine sekundäre Infektion, die im weiteren Verlauf – zusammen mit weiteren Faktoren – zu einer Ruptur des Trommelfells (Membrana tympani) und zur Entwicklung einer Otitis media führen kann. Über 50 % aller mit chronischer Otitis externa vorgestellten Hunde weisen eine begleitende Otitis media auf 3. Ohne eine geeignete therapeutische Intervention wird sich der Zyklus aus Ohrenentzündung und Ohreninfektion immer weiter fortsetzen und zu Schmerzen und irreversiblen pathologischen Veränderungen führen. Die erfolgreiche Behandlung basiert auf der Berücksichtigung der multiplen Ursachen und Faktoren, die an der Pathogenese der Otitis beteiligt sind 4. Die Ursachen können primärer Natur sein (z. B. Fremdkörper, Ektoparasiten, Allergien, Endokrinopathien oder immunvermittelte Erkrankungen) oder sekundärer Natur (im Wesentlichen Infektionen durch Gram-positive oder Gram-negative Bakterien und Pilze). Eine wichtige Rolle spielen aber auch prädisponierende Faktoren (z. B. eine Obstruktion, die anatomische Konformation, das Mikromilieu im Gehörgang oder Auswirkungen topischer Behandlungen) und perpetuierende Faktoren (z. B. pathologische Veränderungen infolge einer chronischen Otitis externa oder media). Dieser Artikel bietet einen Überblick über das diagnostische Vorgehen bei Hunden mit Otitis und gibt praktischen Tierärzten eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für das Management dieser Patienten ab der ersten Vorstellung in der Praxis.

Signalement und Vorbericht

Bei der ersten Vorstellung eines Hundes mit akuter oder chronischer Otitis muss zunächst die klinische Vorgeschichte des Patienten ermittelt und eine vorläufige Liste möglicher primärer Ursachen erstellt werden. Wie üblich sollte die Konsultation mit der sorgfältigen Erhebung eines ausführlichen Vorberichts beginnen, um potenzielle Ursachen ein- oder ausschließen zu können. Zu diesem Zweck sollten insbesondere folgende Fragen gestellt werden:

Welches Signalement hat der Hund? Verschiedene Studien zeigen, dass Cocker Spaniel, Pudel, Pyrenäenschäferhund und Labrador aufgrund der anatomischen Konformation ihrer Ohrmuscheln und ihrer äußeren Gehörgänge und/oder einer erblich bedingten höheren Anfälligkeit prädisponiert sind für die Entwicklung einer Otitis 5. Bei jungen Hunden kann eine Otitis durch Otodectes cynotis verursacht werden – obwohl dies aufgrund der neueren oralen und Spot-on-Ektoparasitika heute seltener zu beobachten ist – während bei alten Hunden mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Endokrinopathie zugrundeliegt. 

Aus welchen Gründen sucht der Besitzer tierärztliche Hilfe? Besitzer betroffener Hunde können Kopfschütteln, Ohrreiben, Ohrenausfluss und üblen Geruch beschreiben 6.

Wann wurden die Symptome erstmals beobachtet? Abruptes und heftiges Kopfschütteln kann in Richtung eines Fremdkörpers im Ohr deuten 6, während in chronischen Fällen in der Regel eine klinische oder subklinische Erkrankung zugrundeliegt.

Ist die Otitis einseitig oder beidseitig? Eine akute einseitige Otitis lenkt den Verdacht in Richtung eines Fremdkörpers im Ohr, während eine chronische beidseitige Otitis eher auf andere Ätiologien hindeutet (z. B. Allergien) und zusätzlich kompliziert werden kann durch die Anatomie der Ohren.

Welche Lebensweise hat der Hund? Bewegt sich der Hund häufig auf Wiesen und Feldern oder geht er schwimmen? Im Gehörgang festsitzendes Wasser verändert das Mikromilieu und kann eine Dysbiose hervorrufen 6.

Leidet der Hund unter saisonalen Flare-ups der Otitis? Wenn ja, spricht dies sehr stark für eine primäre allergische Hauterkrankung, wie zum Beispiel eine nicht-futtermittelinduzierte atopische Dermatitis.

Has any previous topical treatment been successful? If not, this could indicate either a resistant infection or an adverse drug reaction.

War irgendeine zuvor durchgeführte topische Behandlung erfolgreich? Wenn nicht, könnte dies entweder auf eine Infektion mit resistenten Erregern oder auf eine unerwünschte Arzneimittelwirkung hinweisen.

Klinische Untersuchung

Der nächste Schritt ist eine vollständige klinische Untersuchung, gefolgt von einer speziellen dermatologischen Untersuchung. Praktische Tierärzte haben hierfür in der Regel ihre eigene Routine, im Allgemeinen empfiehlt es sich jedoch, an der Nase zu beginnen und sich segmental in Richtung Schwanz vorzuarbeiten, um sicherzustellen, dass sämtliche Körpersysteme berücksichtigt werden. Bei einem Patienten mit Otitis ermöglicht die klinische Untersuchung unter Umständen bereits die Verdachtsdiagnose einer Otitis media, einer Otitis interna oder einer Hypothyreose. Klinische Symptome einer Otitis media sind eine Gesichtsnervenparalyse (z. B. Kopfschiefhaltung, herunterhängende Ohren, herunterhängende Lippen und Ptosis) und das Horner-Syndrom (d. h., Miosis, Ptosis, Enophthalmus und Nickhautvorfall). Klinische Symptome einer Otitis interna sind ein Verlust des Gehörsinns und eine Vestibularerkrankung (z. B. Kopfschiefhaltung, asymmetrische Ataxie, Lehnen in Richtung der betroffenen Seite, Kreisbewegungen und horizontaler Nystagmus) 7 8. Eine Hypothyreose ist (abgesehen vom Erscheinungsbild der Haut und des Haarkleides) klinisch gekennzeichnet durch Adipositas, Schwäche, Lethargie und Bradykardie 9. Jede im Rahmen der klinischen Untersuchung gestellte Verdachtsdiagnose muss im Anschluss mit Hilfe entsprechender weiterführender Untersuchungen bestätigt werden.

Bei der dermatologischen Untersuchung wird die Haut in ihrer Gesamtheit beurteilt: periokulär, perioral, dorsaler und ventraler Halsbereich, Achselbereich, Rumpf (Rücken, Bauch und Flanken), inguinal, perianal, interdigital (dorsal und palmar/plantar), Ohrmuscheln und die Mündungen der äußeren Gehörgänge. Aufmerksam zu achten ist dabei auf jegliche Hautveränderungen mit möglichem Zusammenhang mit der Otitis, die erste Hinweise auf die primäre Ätiologie liefern könnten. So können zum Beispiel Hundewelpen mit juveniler Zellulitis neben den Symptomen einer Otitis auch Erytheme, Ödeme, Exsudation, Krusten und Alopezie im Gesicht und im Bereich der Schnauze aufweisen 10, und bei Hunden mit atopischer Dermatitis kann die klassische Kombination von Otitis, Pododermatitis und oberflächlicher Pyodermie zu beobachten sein.

Bei einem Patienten mit Otitis sollte die Untersuchung der Ohren sehr vorsichtig und nach Möglichkeit als letzter Schritt des Untersuchungsprozesses erfolgen, da sie schmerzhaft sein kann, und die Hunde danach unter Umständen eine Aversion gegen das Berühren ihrer Ohren entwickeln. Aber selbst mit Hilfe minimaler Manipulationen lassen sich einige wichtige Informationen durch eine simple adspektorische Untersuchung der Innenseite der Ohrmuscheln und der Mündungen der äußeren Gehörgänge gewinnen. So können zum Beispiel erythematöse Ohrmuschelinnenflächen auf eine allergische Ätiologie hinweisen, während in chronischen Fällen verdickte, hyperpigmentierte Ohrmuscheln mit übermäßiger Schuppenbildung – ein Hinweis auf eine mögliche Verhornungsstörung – vorliegen können 6. Darüber hinaus kann das Erscheinungsbild von Ohrenausfluss wichtige Hinweise auf mögliche primäre oder sekundäre Ursachen einer Otitis liefern. Ein trockener, brauner, granulöser Ausfluss wird bei einem Befall mit O. cynotis festgestellt, während ein feuchter, brauner Ausfluss häufig sowohl bei Staphylokokken- als auch bei Malassezia-Infektionen vorkommt (Abbildung 1), und ein purulenter, übelriechender Ausfluss typisch ist für Infektionen mit Gram-negativen Bakterien (Abbildung 2) 2.

Moist, brown discharge on the concave aspect of the pinna.

Abbildung 1. Feuchter, brauner Ausfluss an der konkaven Fläche der Ohrmuschel wird sowohl bei Staphylokokken- als auch bei Malassezia-Infektionen festgestellt.  © Filippo De Bellis

Purulent discharge on the concave aspect of the pinna, typical.

Abbildung 2. Purulenter Ausfluss an der konkaven Fläche der Ohrmuschel ist typisch für eine Infektion mit Gram-negativen Bakterien. © Filippo De Bellis

Otoskopie

Wenn es der Patient zulässt, muss im Anschluss an die vollständige adspektorische und palpatorische Untersuchung der Ohrmuscheln in jedem Falle eine Otoskopie durchgeführt werden, um den äußeren Gehörgang in seiner gesamten Länge und die Integrität des Trommelfells zu beurteilen. Im Allgemeinen werden drei unterschiedliche Typen von Otoskopen unterschieden 1112:

1. Geschlossenes Otoskop – Gute Visualisierung des äußeren Gehörgangs und des Trommelfells mit der Möglichkeit, Luft in den Gehörgang einzublasen für eine Tympanometrie. Die Zugänglichkeit des äußeren Gehörgangs (z. B. für die Entnahme zytologischer Proben) ist jedoch eingeschränkt.

2. Offenes Otoskop – Schlechtere Visualisierung des äußeren Gehörgangs und des Trommelfells im Vergleich zum geschlossenen Otoskop, aber hervorragender Zugang zum äußeren Gehörgang. Aus diesem Grund sollten alle Praxen über ein offenes Otoskop verfügen.

3. Videootoskop – hervorragende Visualisierung und Zugänglichkeit des äußeren Gehörgangs und des Trommelfells mit der zusätzlichen Möglichkeit, Fotos und Videos aufzunehmen. Die Kosten des Equipments und die für eine korrekte Anwendung erforderlichen Fähigkeiten können jedoch ein Hindernis darstellen.

Um die Vorteile der Otoskopie in vollem Umfang nutzen zu können, sollten praktische Tierärzte zunächst mit dem physiologischen Erscheinungsbild des gesunden Ohres vertraut sein. Der physiologische äußere Gehörgang ist eine glatte, blassrosafarbene, dünnwandige Struktur, und das physiologische Trommelfell ist eine semitransparente, konkave Membran mit dünnem Zentrum und etwas dickerer Peripherie. Anatomisch ist das Trommelfell zweigeteilt in einen dorsalen hellrosafarbenen Abschnitt (Pars flaccida) und in einen perlgrauen ventralen Abschnitt (Pars tensa) (Abbildung 3). Für jeden Patienten und für jedes Ohr sollte ein neuer, bei Raumtemperatur gelagerter, steriler Konus der geeigneten Größe verwendet werden. Der Konus wird vorsichtig entlang der Incisura intertragica – die weiche Einziehung zwischen Tragusknorpel und Antitragusknorpel an der Basis der Ohrmuschel – in den äußeren Gehörgang hinein vorgeschoben. Wenn der Patient dies toleriert, können der vertikale und der horizontale Abschnitt des Gehörgangs adspektorisch untersucht werden. Der Übergang zwischen den beiden Abschnitten wird durch einen prominenten Knorpelkamm markiert. Für die otoskopische Untersuchung sollte die Ohrmuschel etwas nach oben und außen gestreckt werden, um den Gehörgang so gerade wie möglich auszurichten 12. Der Konus des Otoskops kann so in der Regel ohne mechanischen Widerstand weiter in den horizontalen Abschnitt des Gehörgangs vorgeschoben werden, um die Visualisierung zu verbessern (Abbildung 4). Mit gewisser Erfahrung gelingt es, Fremdkörper, O. cynotis, Entzündungen, Exsudate, Stenosen, Proliferationen und den Zustand des Trommelfells sehr schnell auf einen Blick zu erkennen bzw. zu beurteilen 11 12. Wie alle bis hierhin durchgeführten diagnostischen Schritte trägt auch die Otoskopie zum Verständnis der Ätiologie einer Otitis bei (Tabelle 1) 11 12.

 

Tabelle 1. Otoskopische Befunde und direkte Schlussfolgerungen.
Otoskopischer Befund
Direkte Schlussfolgerung
Erythematöser und hyperplastischer äußerer Gehörgang
Akute Otitis
Fibrotischer und derber äußerer Gehörgang Chronische Otitis
Erythem des vertikalen Gehörgangsabschnittes ohne Ausfluss 
Allergische Otitis: die primäre Ätiologie könnte eine futtermittelinduzierte atopische Dermatitis oder eine nicht-futtermittelinduzierte atopische Dermatitis sein
Erosionen und Ulzera des äußeren Gehörgangs mit eitrigem Ausfluss  Infektion mit Gram-negativen Bakterien 
„Kopfsteinpflasterartiges” Erscheinungsbild der Auskleidung des äußeren Gehörgangs Hyperplasie der Talg- und Zeruminaldrüsen, kann in polypenartige Proliferationen übergehen
Fremdkörper Primäre Ursache
Ektoparasiten
Primäre Ursache
Tumor
Prädisponierender Faktor

 

Häufige Hindernisse einer Otoskopie sind anatomische Gegebenheiten (z. B., Haare im Gehörgang), pathologische Veränderungen (z. B. übermäßiger Ausfluss und Stenosen) und nicht zuletzt das Temperament des Patienten. Wenn diesbezüglich Probleme auftreten, sollte die Otoskopie vorzugsweise unter Sedierung oder Allgemeinanästhesie erfolgen, und im Falle einer Stenose erst nach einer Behandlung mit oralen Glukokortikoiden (z. B. Prednisolon 0,5-1,0 mg/kg einmal täglich über 1-2 Wochen mit anschließendem Ausschleichen) 1112. Mit Hilfe der Otoskopie können pathologische Veränderungen des Trommelfells festgestellt werden (z. B. verdickt, vorgewölbt, opak und/oder rupturiert). Lässt sich die Integrität des Trommelfells auf adspektorischem Weg mit dem Otoskop nicht eindeutig klären, kann eine weiterführende Untersuchung unter Allgemeinanästhesie durchgeführt werden, entweder über eine Sondenpalpation oder mit Hilfe einer Tympanometrie. Bei der Sondenpalpation unter videootoskopischer Kontrolle wird eine dünne Ernährungssonde oder ein feiner Harnkatheter langsam durch den äußeren Gehörgang vorgeführt. Bei intaktem Trommelfell wird die Spitze der Sonde oder des Katheters sichtbar bleiben, während sie bei einem nicht-intakten Trommelfell in das Mittelohr eintreten kann und dann nicht mehr sichtbar ist. Bei der Tympanometrie handelt es sich um eine weitaus kompliziertere und daher eher selten angewendete Technik zur Beurteilung der Trommelfellbeweglichkeit. Über ein geschlossenes Otoskop wird schrittweise Luft in den äußeren Gehörgang eingeblasen und das Verhalten des Trommelfells beurteilt. Ein gesundes und bewegliches Trommelfell wird sich als Reaktion auf die eingeblasene Luft auf konkave/konvexe Weise hin und her biegen, bleibt das Trommelfell unter dem sich verändernden Luftdruck dagegen starr oder vorgewölbt, besteht der Verdacht auf eine Akkumulation von Material im Mittelohr 13.

Abbildung 3. Videootoskopische Aufnahme des physiologischen Trommelfells. Zu beachten sind die dorsale hellrosafarbene Pars flaccida und die ventrale perlgraue Pars tensa.  © Vanessa Schmidt

Performing careful open otoscopy to allow visualization of the external ear canal.

Abbildung 4. Eine sorgfältige, offene Otoskopie ermöglicht die Visualisierung des äußeren Gehörgangs und des Trommelfells beim wachen Patienten. © Filippo De Bellis

Mikroskopische Untersuchung

Nach Abschluss der Otoskopie sollte grundsätzlich bei jedem Patienten eine Tupferprobe aus dem/den betroffenen Ohr(en) für die praxisinterne zytologische Untersuchung genommen werden. Für die Entnahme einer zytologischen Probe muss lediglich ein Wattestäbchen für wenige Sekunden in den äußeren Gehörgang eingeführt werden. Material aus dem horizontalen Abschnitt des Gehörgangs besitzt in der Regel die höchste klinische Relevanz, eine sichere Tupferprobenentnahme aus diesem Abschnitt am wachen Patienten kann sich jedoch als schwierig erweisen. Aus diesem Grund sollte es ausreichen, den Tupfer bis zum Knorpelkamm vorzuschieben, und die Probe im Bereich des Übergangs zwischen vertikalem und horizontalem Abschnitt zu entnehmen. Anschließend wird der Tupfer über einen sauberen und entsprechend gekennzeichneten Objektträger ausgerollt 2. Für die zytologische Untersuchung und für den Nachweis von Ektoparasiten (z. B. O. cynotis und Demodex canis) werden zwei separate Objektträger präpariert, insbesondere wenn es sich um einen jungen Hund handelt. Auf den Objektträger für die Ektoparasitendiagnostik werden einige Tropfen Mineralöl gegeben, die Probe wird darin ausgerollt, und schließlich mit einem Deckgläschen abgedeckt. Der mikroskopische Nachweis von Ektoparasiten erfolgt am besten mit einem schwach vergrößernden Objektiv (4x oder 10x) bei niedriger Lichtintensität und bei geschlossenem Kondensor. Der gesamte Objektträger wird systematisch von rechts nach links und von oben nach unten durchgemustert 2.

Der Objektträger für die praxisinterne Zytologie wird mit einem kommerziellen Färbekit für eine modifizierte Wright-Färbung angefärbt, bestehend aus einer Fixierlösung und Eosin- und Hämatoxylin-Färbelösungen. Der Objektträger wird über etwa 5 Sekunden in die jeweiligen Lösungen getaucht, gespült und schließlich getrocknet. Beginnend mit einer schwachen Vergrößerung (4x Objektiv) und geringer Lichtintensität bei offenem Kondensor wird zunächst ein Zellbereich auf dem Objektträger fokussiert. Anschließend wird die stärkste Vergrößerung eingestellt (100x Objektiv mit Ölimmersion), um Mikroorganismen und Entzündungszellen nachzuweisen 2 14.

Unter normalen Umständen befindet sich im äußeren Gehörgang nur eine geringe Anzahl von Bakterien (z. B. koagulase-negative Staphylococcus spp., koagulase-positive Staphylococcus spp. und Streptococcus spp.) und Hefen (vorwiegend Malassezia pachydermatis). Ist der Gehörgang geschädigt oder entzündet, können Bakterien und/oder Hefen opportunistisch werden, überwuchern und potenziell eine Infektion hervorrufen. Studien ermittelten die mittleren Mikroorganismenzahlen pro Hauptgesichtsfeld (40x Objektiv), die auf eine normale Flora hinweisen bzw. auf eine abnorm erhöhte Population. Für Bakterien liegt diese Zahl bei 5 oder weniger gegenüber 25 oder mehr, und für Malassezia-Hefen bei 2 oder weniger gegenüber 5 oder mehr (Abbildung 5). Im Unterschied zur normalen Ohrflora handelt es sich bei den Mikroorganismen, die routinemäßig zu Otitiden beitragen, vorwiegend um koagulase-positive Staphylokokken, beta-hämolytische Streptokokken, Pseudomonas spp. und Proteus spp. 215.

Die Zytologie unterstützt zudem den Nachweis einer Überwucherung infolge einer Infektion, wenn die entsprechenden Entzündungszellen gefunden werden [vorwiegend degenerierte und nicht-degenerierte neutrophile Granulozyten (Abbildung 6)]. Die Bestimmung einzelner Bakterienspezies ist mit einer zytologischen Untersuchung jedoch nicht möglich – hierfür ist in jedem Fall eine bakteriologische Kultur erforderlich. Kulturelle Untersuchungen mit Empfindlichkeitstest sollten bei Patienten mit Otitiden jedoch nicht routinemäßig eingesetzt werden, sondern vorzugsweise bestimmten Szenarien vorbehalten bleiben, da eine Kultur nicht zwischen residenten Bakterien, einer Überwucherung und einer Infektion unterscheiden kann. Die Ergebnisse des antibiotischen Empfindlichkeitstests beziehen sich somit auf sämtliche in der entsprechenden Kultur vorhandenen Mikroorganismen und liefern somit keine spezifischen Hinweise auf eine wirksame antibiotische Therapie. Der kulturelle Nachweis klinisch irrelevanter Bakterien kann in solchen Fällen zu einer unangemessenen antibiotischen Therapie führen oder Anlass für eine unnötige Umstellung der Behandlung sein. Umgekehrt besteht aber auch die Gefahr, dass bei einer Kultur mit Empfindlichkeitstest wichtige, klinisch relevante Mikroorganismen nicht kultiviert werden, so dass es zu Fehlinterpretationen und zu einem vorzeitigen Absetzen antibiotischer Behandlungen kommen kann 2. Zweifellos angezeigt ist eine Kultur aber bei Patienten mit chronischer und/oder therapieresistenter Otitis externa oder wenn bei der zytologischen Untersuchung stäbchenförmige Bakterien nachgewiesen werden oder wenn begleitend eine Otitis media besteht. Darüber hinaus zeigen Studien, dass verschiedene Mikroorganismen unabhängig voneinander Infektionen im Außenohr und im Mittelohr verursachen können. Bei Patienten mit Otitis externa und gleichzeitiger Otitis media sollten deshalb nach Möglichkeit immer Proben aus dem Außenohr und aus dem Mittelohr genommen werden, da diese potenziell zwei unterschiedliche Ergebnisse mit unterschiedlichen antibiotischen Empfindlichkeitsmustern hervorbringen können 16.

Abbildung 5. Mikroskopischer zytologischer Befund mit einer hohen Anzahl Malassezia spp. aus einem infizierten Ohr. © Marie-Christine Cadiergues

A microscopic image showing non-degenerate and degenerate neutrophils.

Abbildung 6. Diese mikroskopische Aufnahme zeigt nicht-degenerierte und degenerierte neutrophile Granulozyten und einen Cluster extrazellulärer Kokken.  © Marie-Christine Cadiergues

Hannah Lipscomb

Die otoskopische Untersuchung kann erschwert werden durch anatomische Gegebenheiten, pathologische Veränderungen und das Temperament des Patienten. Ist dies der Fall, sollte die Otoskopie unter Sedierung oder Allgemeinanästhesie durchgeführt werden, und im Falle einer Stenose erst nach einer Behandlung mit oralen Glukokortikoiden.

Hannah Lipscomb

Bildgebende Diagnostik

Die bildgebende Diagnostik ermöglicht eine weitergehende Beurteilung von Otitis-Fällen und insbesondere eine eingehendere Untersuchung des Mittelohrs. Die Literatur empfiehlt eine bildgebende Diagnostik bei Verdacht auf eine Otitis media, paraaurikuläre Abszessen, Traumata, nasopharyngeale Polypen, neurologische Dysfunktionen und bei Hunden, die nicht in der Lage sind, das Maul zu öffnen 17. Darüber hinaus kann die bildgebende Diagnostik auch Hinweise auf die Richtung des einzuschlagenden Behandlungsweges geben. So sind zum Beispiel Gehörgänge mit knöchernen oder irreversiblen pathologischen Veränderungen eher chirurgisch zu behandeln 18.

Röntgenaufnahmen des Schädels zur Beurteilung des äußeren Gehörgangs und des Mittelohrs sollten unter Allgemeinanästhesie angefertigt werden. Erforderlich sind linke und rechte Schrägaufnahmen und eine dorsoventrale Aufnahme des Schädels sowie eine rostrokaudale Aufnahme bei geöffneter Maulhöhle. Letztere ist die beste Option für die Beurteilung der beiden Bullae tympanicae. Diese Aufnahmen können eine Okklusion und knöcherne Veränderungen des äußeren Gehörgangs, einen Inhalt in der Bulla tympanica oder eine Lysis oder eine Proliferation der Wand der Bulla tympanica bestätigen. Die pathologischen Veränderungen müssen in der Regel jedoch hochgradig sein, um in Röntgenaufnahmen nachweisbar zu sein, und subtile Veränderungen werden leicht übersehen 1719. Darüber hinaus kann die Röntgendiagnostik auch für die Beurteilung der Integrität des Trommelfells eingesetzt werden mit Hilfe einer als Positivkontrast-Kanalographie bezeichneten Technik. Hierfür wird ein lösliches, nichtionisches, iodhaltiges Kontrastmittel in den äußeren Gehörgang eingebracht, das man zunächst mit Hilfe der Gravitation über einige Minuten diffundieren lässt, bevor dorsoventrale und rostrokaudale Aufnahmen bei geöffneter Maulhöhle angefertigt werden. Wenn eine Ruptur des Trommelfells vorhanden ist, kann das Kontrastmittel im Mittelohr nachzuweisen sein. Bei einem Patienten mit stenotischen Gehörgängen erreicht das Kontrastmittel unter Umständen jedoch nicht das Mittelohr, selbst wenn das Trommelfell einen Defekt aufweist. Die Interpretation von Röntgenaufnahmen muss bei Anwendung dieser Technik deshalb sehr vorsichtig erfolgen 20.

Mit Hilfe der Sonographie können die Bullae tympanicae beurteilt werden. Mit Hilfe winziger Bewegungen der an der ventrolateralen Oberfläche der Bullae angelegten Sonde können die Bullae auf Flüssigkeiten oder Zubildungen gescannt werden. Hauptnachteil dieser diagnostischen Methode ist das hierfür erforderliche hohe Fachkönnen 171921.

Die Computertomographie (CT) und die Magnetresonanztomographie (MRT) sind zwei hochentwickelte bildgebende Verfahren, die in einigen Otitis-Fällen von diagnostischem Nutzen sein können. Die CT ermöglicht eine exzellente Visualisierung der lokalen knöchernen Strukturen des Ohrs und eignet sich hervorragend für die Diagnose von Stenosen oder Okklusionen der äußeren Gehörgänge und einer Füllung der Bullae tympanicae (Abbildung 7). Die MRT bietet die beste Auflösung von Weichteilgewebestrukturen, und ist vorzuziehen, wenn ein Verdacht auf Zubildungen im oder am Ohr besteht, dieses Verfahren ist aber weniger sensitiv, wenn es um die Darstellung des äußeren Gehörgangs und des Trommelfells geht 1719.

A transverse CT scan of a dog’s skull showing soft tissue or fluid within the right tympanic.

Abbildung 7. Dieser CT-Scan (Transversalebene) des Schädels eines Hundes zeigt Weichteilgewebe oder Flüssigkeit in der rechten Bulla tympanica mit Verdickung der Wand der Bulla.  © Royal Veterinary College

Filippo De Bellis

Eine zytologische Untersuchung sollte bei jedem Patienten im Anschluss an eine Otoskopie durchgeführt werden; die Proben lassen sich schnell und einfach entnehmen. Material aus dem horizontalen Abschnitt des Gehörgangs besitzt in der Regel die höchste klinische Relevanz, am wachen Patienten kann sich eine sichere Tupferprobenentnahme aus diesem Abschnitt aber als schwierig erweisen.

Filippo De Bellis

 

Myringotomie

In etwa 70 % aller Fälle von Otitis media ist das Trommelfell intakt, da das Mittelohr auch ohne Otitis externa infiziert werden kann durch Mikroorganismen, die aus dem Pharynx über die Eustachische Röhre aufsteigen oder auf hämatogenem Weg verbreitet werden. Cavalier King Charles Spaniels und brachyzephale Hunderassen können eine primäre Otitis media ohne Erkrankung des äußeren Gehörgangs aufweisen 22. In Fällen einer Otitis media mit intaktem Trommelfell ist eine Myringotomie (iatrogene Inzision des Trommelfells) erforderlich. Die Myringotomie erfolgt am allgemeinanästhesierten Patienten unter videootoskopischer Kontrolle nach gründlicher Lavage und anschließender Trocknung des äußeren Gehörgangs. Unter direkter Sichtkontrolle wird der am weitesten ventral gelegene Teil (im Bereich von 6 bis 7 Uhr) des Trommelfells mit einem im Winkel von 60 ° schräg angeschnittenen und an eine 2 ml-Spritze angeschlossenen Harnkatheter der Stärke 6F punktiert. Ein Milliliter einer sterilen physiologischen Kochsalzlösung wird in das Mittelohr instilliert und wieder aspiriert. Das Aspirat wird in ein steriles Röhrchen überführt und zentrifugiert, um Proben für die praxisinterne Zytologie und die Kultur mit Empfindlichkeitstest herzustellen. Wenn das Mittelohr im Anschluss weiter behandelt werden muss, kann die Punktionsstelle im Trommelfell vorsichtig erweitert werden, um einen einfacheren Zugang für die anschließenden Lavagen zu erhalten bis das Mittelohr sauber und leer ist 711.

Schlussfolgerung

Wenn ein Hund mit Otitis zur Untersuchung vorgestellt wird, sollten Tierärzte Schritt für Schritt vorgehen, um Missverständnisse und Fehlinterpretationen zu vermeiden, da diese oft unvermeidlich zu einem Therapieversagen führen. Wichtig ist, dass sowohl primäre als auch sekundäre Ursachen berücksichtigt werden, aber auch prädisponierende und perpetuierende Faktoren. Ein logisches und systematisches Vorgehen liefert zahlreiche diagnostische Informationen, die bei der Beurteilung des Gesundheitsstatus des äußeren Gehörgangs und des Mittelohrs sehr hilfreich sein können. Kurz gefasst heißt dies, je gründlicher die Untersuchung und die Diagnostik, desto höher die Wahrscheinlichkeit eines therapeutischen Langzeiterfolges. 

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Hannah Lipscomb

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Filippo De Bellis

Filippo De Bellis

DVM, CertVD, Dip. ECVD, MRCVS, Davies Veterinary Specialists, Hertfordshire, UK Mehr lesen

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