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Ausgabe nummer 25.3 Sonstiges Wissenschaft

Schmerzbeurteilung beim Hund: Die Glasgow Pain Scale

veröffentlicht 21/04/2021

Geschrieben von Jacqueline Reid

Auch verfügbar auf Français , Italiano , Español und English

Schmerz ist eine unangenehme persönliche emotionale Erfahrung und hat drei Dimensionen: Sensorisch-diskriminative Schmerzdimension (Lokalisation, Intensität, Qualität, Dauer); Affektiv-motivationale Schmerzdimension (beschreibt die Unannehmlichkeit – wie der Schmerz uns fühlen lässt)...

 
 

Schmerzbeurteilung beim Hund:  Die Glasgow Pain Scale

Schmerz ist eine unangenehme persönliche emotionale Erfahrung und hat drei Dimensionen 1:

  • Sensorisch-diskriminative Schmerzdimension (Lokalisation, Intensität, Qualität, Dauer)
  • Affektiv-motivationale Schmerzdimension (beschreibt die Unannehmlichkeit – wie der Schmerz uns fühlen lässt)
  • Evaluativ-kognitive Schmerzdimension (Einfluss kognitiver Aktivitäten auf das Erleben des Schmerzes)

    Informationsverarbeitungssystems und das Ergebnis eines komplizierten Zusammenspiels fazilitatorischer und inhibitorischer Pathways im peripheren und zentralen Nervensystem. Adaptiver „physiologischer“ Schmerz (z. B., sich den Zeh anstoßen) dient dem lebenswichtigen Zweck einer schnellen Veränderung des Verhaltens, um Schäden zu vermeiden oder weitere Schäden zu minimieren. Maladaptiver „klinischer“ Schmerz repräsentiert dagegen eine Malfunktion der neurologischen Übertragung und dient keinem physiologischen Zweck. Unzureichend kontrollierter akuter Schmerz führt zu Beschwerden und Leiden, hat aber darüber hinaus noch weitere unerwünschte Folgen, die eine Erholung verzögern oder beeinträchtigen können. Unkontrollierter postoperativer Schmerz kann zu verzögerter Heilung, erhöhter Morbidität und einem erhöhten Risiko der Entwicklung sehr schwierig zu behandelnder chronisch persistierender Schmerzen führen – Vorbeugen ist also besser als Heilen. Eine wirksame Schmerztherapie setzt eine korrekte Schmerzbeurteilung voraus. Die Schmerzbeurteilung ist ein routinemäßiger Bestandteil der Nachsorge während der gesamten postoperativen Phase. Sie muss aber auch vor und nach jeder Applikation von Analgetika durchgeführt werden, um deren Wirksamkeit zu überprüfen.

    Die Kurzform der Glasgow Composite Measure Pain Scale (CMPS-SF) wurde als ein praktisches Instrument für die Entscheidungsfindung bei Hunden mit akuten Schmerzen entwickelt und zeichnet sich insbesondere durch ihre einfache und zuverlässige Anwendbarkeit in der Praxissituation aus. Das Beurteilungssystem beinhaltet 30 Deskriptoren innerhalb von sechs Verhaltenskategorien, einschließlich Mobilität. Innerhalb jeder Kategorie sind die Deskriptoren nach assoziiertem Schmerzgrad in numerischer Rangfolge geordnet. Die Person, die die Schmerzbeurteilung durchführt, wählt den Deskriptor, der das Verhalten bzw. den Zustand des Hundes in der jeweiligen Kategorie am besten beschreibt. Wichtig ist, dass der Ablauf der Beurteilung exakt dem umseitigabgedruckten Protokoll folgt. Der finale Schmerz-Score des Patienten ist die Summe der einzelnen Scores und erreicht maximal 24 Punkte (oder 20 Punkte, wenn eine Beurteilung der Mobilität nicht möglich ist). Der Gesamt-Score ist ein hilfreicher Indikator für den Analgetikabedarf des Patienten: Als analgetische Interventionsschwelle wird ein Schmerz-Score von 6/24 (bzw. 5/20) empfohlen. Zu beachten ist, dass die Schmerz-Skala nur bei Hunden angewendet werden sollte, die bei vollem Bewusstsein sind und sich ohne Hilfe fortbewegen können (ausgenommen sind Fälle, in denen Mobilität kontraindiziert ist). In der Regel sollte man also mit dem Beginn der Schmerzbeurteilung zwei Stunden nach der endotrachealen Extubation warten, jeder Fall muss diesbezüglich aber individuell bewertet werden. Da das Protokoll der Schmerzbeurteilung eine Palpation im Bereich der Operationswunde und eine Evaluation der Mobilität einschließt (wenn Letztere nicht kontraindiziert ist), wird empfohlen, dieses Scoring in der frühen postoperativen Phase nicht häufiger als stündlich vorzunehmen, um unnötigen Stress für den Patienten zu vermeiden und schädliche Auswirkungen häufiger Störungen auf die nachfolgenden Messungen so weit wie möglich zu begrenzen. 


Zur Beurteilung von Hunden während der postoperativen Nachsorge mit der CMPS-SF wird folgendes Protokoll empfohlen:
 
  • Evaluation des Hundes, sobald sich dieser ausreichend von der Anästhesie erholt hat (da die Scores durch den Hang-Over-Effekt sedativer oder anästhetischer Arzneimittel beeinflusst sein können).
  • Bei Schmerz-Scores über 5/20 bzw. 6/24 wird die Gabe von Analgetika in Betracht gezogen.
  • Den applizierten Analgetika muss ausreichend Zeit gewährt werden, um ihre Wirkung zu entwickeln, d. h., der Hund wird nach einer Stunde erneut beurteilt. Ist der Score dann unter die Interventionsschwelle gesunken, erfolgt die nächste Beurteilung nach zwei Stunden. Liegt der Score nach einer Stunde dagegen weiterhin über der Schwelle, wird eine zusätzliche Analgesie in Betracht gezogen.
  • Danach wird der Patient regelmäßig mindestens alle drei bis vier Stunden (abhängig von der Schwere des chirurgischen Eingriffes sowie von der Wirkstoffklasse, der Applikationsroute und der erwarteten Wirkungsdauer der applizierten Analgetika) sowie nach jeder Applikation von Analgetika beurteilt.
  • Die Skala soll als eine Ergänzung zur klinischen Beurteilung dienen, und keinem Tier sollte allein auf der Grundlage des Schmerz-Scores eine notwendige Analgesie verweigert werden.
 
 
Kurzform der Glasgow Composite Measure Pain Scale.

Literatur

  1. Melzack R, Casey KL. Sensory, motivational and central control determinants of chronic pain: A new conceptual model. In: Kenshalo, DL (ed). The Skin Senses. Springfield, Illinois. Thomas;1968;423-443.
Jacqueline Reid

Jacqueline Reid

Jacqueline Reid, NewMetrica, Glasgow, Schottland Mehr lesen

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