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Ausgabe nummer 2 Human Resources

Der erste Job

veröffentlicht 22/04/2021

Geschrieben von Philippe Baralon , Antje Blättner , Pere Mercader und Mark Moran

Auch verfügbar auf Français , Español und English

In vielen Ländern herrscht gegenwärtig ein Mangel an Tierärzten, so dass frischgebackenen Studienabsolventen oft viele verschiedene berufliche Möglichkeiten offenstehen. Die Wahl des richtigen Jobs beginnt aber zunächst mit einem erfolgreichen Vorstellungsgespräch. Dieses Kapitel soll sicherstellen, dass Sie für den gesamten Prozess optimal vorbereitet sind.

Der erste Job

Kernaussagen

Wenn Sie sich für einen Job in der Praxis entscheiden, sollten Ihre Prioritäten auf der Perfektionierung Ihrer fachlichen Fähigkeiten und dem Sammeln klinischer Erfahrung liegen.


In vielen Ländern können Sie wählen, ob Sie in einer Einzelpraxis oder in einer Gruppenpraxis arbeiten möchten; Betrachten Sie also zunächst die Pros und Contras beider Optionen.


In der Vorbereitung auf ein Vorstellungsgespräch sollten Sie Hintergrundinformationen sammeln, zum Beispiel über die Webseite oder die Facebook-Seite der Praxis.


Während des Vorstellungsgesprächs sollten Sie die Möglichkeit  nutzen, Fragen zu stellen, die sich positiv auf Ihr Image auswirken können.


Einleitung

Als frischgebackener Tierarzt Ihre berufliche Karriere zu starten, ist sicher einer der interessantesten Momente in Ihrem Leben, denn es stehen Ihnen so viele Möglichkeiten offen. Es ist aber auch eine stressige Zeit, eben weil es so viele Möglichkeiten gibt!

Zahlreiche Richtungen bieten sich an, in die Sie Ihre tiermedizinische Karriere lenken können:

  • E ine der ersten Entscheidungen, die Sie treffen müssen, ist, ob Sie nur mit Kleintieren arbeiten möchten oder als Gemischtpraktiker oder aber in einer Pferde- oder Großtierpraxis.

  • Der nächste Punkt ist: Wollen Sie als angestellter Tierarzt in eine bestehende Praxis bzw. Klinik einsteigen oder wollen Sie sofort eine eigene Praxis eröffnen? Über diese Entscheidung werden wir später genauso sprechen, wie über die Erklärung, warum die erste Option von der Mehrheit junger Tierärzte gewählt wird und unter welchen Bedingungen die zweite Option zu erwägen wäre.

  • Sind Sie als Berufsanfänger besser in einer kleinen Praxis aufgehoben oder in einer großen Gemeinschaftspraxis mit vielen Behandlungsräumen, OPs etc.? Der Abschnitt, der sich mit dieser Frage befasst, beschreibt die Vor- und Nachteile beider Möglichkeiten.

  • Sollten Sie sich von Anfang an in einer Allgemeinpraxis engagieren oder würden Sie von einer zusätzlichen fachlichen Ausbildung bzw. einem Internship als Einstieg zu einer Fachtierarztkarriere profitieren? Die Antwort auf diese Frage hängt, wie wir an späterer Stelle erörtern werden, von Ihren individuellen Ambitionen hinsichtlich einer Fachrichtung ab.

Angestellter oder Freiberufler?

Wenn Sie am Beginn Ihrer tierärztlichen Karriere stehen, ist alles möglich. Dennoch gibt es eine goldene Regel, an die Sie sich halten sollten: Es ist immer besser, etwas Erfahrung als angestellter Tierarzt zu sammeln, bevor Sie eine eigene Praxis aufmachen (Box 1). 

Box 1
Drei Fragen, die Sie sich selbst stellen sollten, bevor Sie sich für Ihre erste Arbeitsstelle als Tierarzt entscheiden:
1. Wie viel Freiheit werde ich beim Verschreiben von Arzneimitteln haben?
2. Wie viel Zeit wird mir für Weiter- und Fortbildung bleiben und welche Unterstützung kann ich erwarten?
3. Welche Möglichkeiten bestehen, meine berufliche Karriere in Zukunft voranzutreiben?


Ungeachtet der Qualität Ihrer Ausbildung gibt es mehrere gute Gründe, warum Sie sich an diesen Rat halten sollten.

  • Ihre Priorität als Studienabsolvent sollte sein, Ihre fachlichen und praktischen Fähigkeiten zu perfektionieren und klinische Erfahrung zu gewinnen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die Priorität eines jungen Tierarztes sollte sein, klinische Erfahrung zu sammeln. © Shutterstock
 

 

  • Als gerade approbierter Tierarzt werden Sie wahrscheinlich keine ausreichende Expertise auf dem Gebiet des Marketings und des wirtschaftlichen Unternehmertums besitzen, um Ihre eigenen Leistungen sowie auch Medikamente, Futtermittel oder andere relevante Produkte erfolgreich vermarkten zu können. (Dieses Thema wird zu einem späteren Zeitpunkt angesprochen.)

  • Unabhängig von Ihrer persönlichen Begabung und den Fähigkeiten und Talenten, die Sie mitbringen, werden Sie sich erst einmal gründliche Managementkenntnisse aneignen und diese entwickeln müssen. Zunächst, um sich selbst in ein Team zu integrieren, später, um andere Kollegen anzuleiten bzw. zu betreuen, und schließlich, um selbst Angestellte einzustellen, zu schulen und so zu motivieren, dass Sie Ihnen als wertvolle Mitglieder Ihres Teams erhalten bleiben.

  • Nur selten verfügen junge Tierärzte über spezifische Erfahrungen auf dem Gebiet des Aufbaus eines Unternehmens. Selbst gute Arbeit zu leisten, heißt noch nicht, dass man auch in der Lage ist, die Qualität und Quantität der von einem ganzen Team geleisteten Arbeit positiv zu entwickeln. Es bedeutet auch nicht, dass man die angebotenen tierärztlichen Dienstleistungen stets aktuell und nach relevanten Schwerpunkten gestalten kann.

  • Als junger Tierarzt ist es fast unmöglich, Gelegenheiten zur Weiterentwicklung der Praxis zu identifizieren bzw. jene Optionen zu wählen, die unter Einsatz der eigenen persönlichen Stärken am besten genutzt und ausgeschöpft werden können. Genau so schwierig ist es, die am Anfang der freiberuflichen tierärztlichen Tätigkeit stehenden versteckten Hürden zu erkennen und zu überwinden.

  • Für den jungen Tierarzt ist es oft schwer, an die zum Aufbau einer erfolgreichen Praxis nötigen finanziellen Mittel zu gelangen.

  • Schließlich ist es unter Umständen auch nicht unbedingt gut fürs Geschäft, wenn man als Berufseinsteiger gleichzeitig auch noch ein Unternehmen aufbauen muss. In der Tat ist es so, dass Jungunternehmer immer das gesamte Risiko tragen und keine Garantie dafür haben, dass die getätigten Investitionen sich kurzfristig auch nur halbwegs rentieren. Generell gilt, dass dieser anfängliche Nachteil nach einigen Jahren des Sammelns von Erfahrungen zum Vorteil werden kann (Abbildung 2).

Abbildung 2: Jungunternehmer müssen das gesamte Risiko tragen und haben keine Garantie dafür, dass sich die getätigten Investitionen in relativ kurzer Zeit auch nur halbwegs rentieren. © Nonwarit
 

Es mag überraschen, dass es so viele Gründe gibt, nicht gleich zu Beginn der beruflichen Karriere eine eigene Praxis zu eröffnen, vor allem, wenn man bedenkt, von wie vielen Tierärzten genau dieser Weg in der Vergangenheit gewählt wurde. Aber die Zeiten haben sich geändert, und in den meisten Fällen ist es nicht ratsam, die Karriere anderer Personen zu kopieren. Tierarztpraxen haben sich in den vergangenen 20 Jahren signifikant verändert. Sie sind heute strukturierter und um größere Teams herum gebaut, die unterschiedliche Fachrichtungen abdecken.

Genau diese fachliche Expertise kostet auch mehr Geld! Außerdem sind Tierarztpraxen heute größer, liegen an gut ausgewählten Standorten und sind besser ausgestattet. Alle diese Faktoren verstärken noch die Hindernisse, strategisch “Einstiegsbarrieren” genannt, die den Aufbau einer eigenen Praxis besonders für Berufsanfänger so erschweren.

Das Risiko liegt nicht so sehr darin, vollkommen zu versagen, sondern vielmehr darin, nicht rasch genug ausreichend erfolgreich zu sein und so in einer suboptimalen Situation mit einer zu kleinen Praxis stecken zu bleiben, wodurch es unmöglich wird, mit der Zeit eventuell auftauchende Chancen nutzen zu können.

Allerdings gibt es vom eben beschriebenen Prinzip auch seltene Ausnahmen. Dies sind Situationen, wo zu einer außerordentlichen persönlichen und fachlichen Reife des jungen Tierarztes noch eine spezifische Gelegenheit, wie ein guter Standort oder aber ein bestimmtes erfolgversprechendes Geschäftsmodell kommt.

Solche Ausnahmefälle finden sich häufiger in aufstrebenden Märkten wie Südostasien, Lateinamerika oder Osteuropa, nicht aber in reifen Märkten wie Westeuropa, Nordamerika oder Japan. Für alle von Ihnen, die sich trotzdem auf das Abenteuer einer eigenen Praxis gleich von Beginn an einlassen wollen, wird die Lektüre dieser Sonderausgabe wertvolle Informationen liefern, die Ihnen helfen sollen, viele der lauernden Fallen zu umgehen.

 

Arbeit in einer Gruppenpraxis oder Einzelpraxis

Wenn Sie sich nicht für ein Internship entscheiden, sondern sich für Ihre erste Stelle als Tierarzt umschauen, so wird eine der wichtigsten Überlegungen zweifellos sein, in welchem Team Sie gerne arbeiten möchten. Denn die Menschen in diesem Team werden es sein, die die Arbeitsatmosphäre prägen und Ihnen die fachliche und psychologische Unterstützung angedeihen lassen, die entscheidend dafür ist, dass Sie gleich auf die richtige Spur gebracht werden. Nur so gewinnen Sie das Vertrauen, das für Ihre persönliche und berufliche Entwicklung notwendig ist. Neben dieser kleinen täglichen Arbeitsgruppe sollten Sie jedoch auch das größere Umfeld berücksichtigen, in dem Sie Ihre ersten Schritte als Tierarzt machen. Entscheiden Sie sich für eine kleine Praxis, mit etwa ein bis zwei Tierärzten? Oder ziehen Sie ein großes Tierarztunternehmen vor, mit Praxen an mehreren Standorten und Dutzenden bis Hunderten von Tierärzten?
 
Es sei allerdings gleich gesagt, dass die erstgenannte Variante deutlich häufiger ist als die zweite, da solche großen tierärztlichen Unternehmen nicht in allen Ländern bestehen. Wo es sie gibt, wie z.B. in den USA, in England, in Frankreich, den Niederlanden oder Deutschland, betreiben diese nur die Minderheit der gesamten in diesen Ländern bestehenden Tierkliniken. Eine Ausnahme ist Skandinavien, wo der Markt von solchen riesigen Gruppenpraxen dominiert wird. Es stellt sich also die Frage: Gibt es irgendwelche Vorteile oder Nachteile, wenn man seine berufliche Karriere in einer so großen Gruppenpraxis beginnt? Die Antwort fällt oft sehr nuanciert aus, aber es gibt einige wichtige Punkte, die je nach individuellen Umständen einen positiven oder einen negativen Einfluss ausüben können. Einstellpolitik und – was noch wichtiger ist – Integrationsphilosophie unterscheiden sich je nach Gruppen- oder Einzelpraxis. Gruppenpraxen gehen hier eher professionell vor, doch kann es durchaus auch Ausnahmen geben. Für Studienabgänger hätte die Arbeit in einer großen Gruppenpraxis den Vorteil, dass sie von einem Integrationsprozess profitieren, der die Eingewöhnung und Anpassung an interne Arbeitsweisen und Regeln erleichtert und adäquate Verhaltensweisen vorgibt. Dies kann sowohl prägend sein als auch eine gewisse Sicherheit vermitteln. Der Nachteil ist jedoch, dass die Freiheit und die Gelegenheiten, Eigeninitiative zu zeigen, begrenzt sind, weil medizinische Abläufe in der Regel standardisiert sind (genau das Ziel in größeren Gruppenpraxen). Dies verzögert das Gewinnen eigener, „echter” Praxiserfahrungen.
 
Philippe Baralon

Einstellpolitik und – was noch wichtiger ist – Integrationsphilosophie unterscheiden sich je nach Gruppen- oder Einzelpraxis. Gruppenpraxen gehen hier eher professionell vor.

Philippe Baralon

Generell ist das Personalmanagement in großen Gruppenpraxen formeller und professioneller, mit häufigem Feedback, jährlichen Evaluierungen und Gelegenheiten, den eigenen Fortschritt und das Potenzial für die weitere Entwicklung zu beurteilen. Allerdings gibt es immer mehr Einzelpraxen bzw. kleinere Kliniken, die diese Methoden des Personalmanagements bereits übernommen haben. In beiden Fällen ist das Thema Personalmanagement von den einschlägigen Fähigkeiten Ihres direkten Vorgesetzten abhängig.

Langfristig zeigen sich die Möglichkeiten für eine persönliche Weiterentwicklung und fachliche Fortschritte in einer großen Gruppenpraxis bzw. einer kleinen Praxis schon deutlicher:
  • In einer großen Gruppenpraxis werden Sie öfter mal für einen ganz bestimmten Tätigkeitsbereich oder später sogar für eine Filiale verantwortlich sein. Vielleicht können Sie sich auch mit einem Anteil in das Kapital der Gruppe einkaufen. Allerdings ist dies eher ein seltener Fall, ebenso wie Ihre Chancen, Ihrer Karriere auf das höchstmögliche Niveau zu bringen.
  • In einer kleineren Praxis im Privatbesitz eines Kollegen ist es oft schwieriger, gleich zu Beginn der Karriere ähnliche Verantwortung übertragen zu bekommen, da es aufgrund der geringeren Größe der Praxis weniger Tätigkeitsbereiche und weniger Fälle gibt. Paradoxerweise ist es hier aber häufig einfacher, zum Mitinhaber oder Praxismanager aufzusteigen. 

Für diese beiden Arten von tierärztlichem Arbeitsumfeld die Gehaltssituation zu vergleichen bzw. gegenüberzustellen, ist allerdings sehr schwierig.

Letztendlich sollten Sie die Wahl Ihres Arbeitsumfeldes an Ihren individuellen Ambitionen, Ihrer Persönlichkeit und vor allem an den Gelegenheiten, die sich Ihnen wahrscheinlich bieten werden, ausrichten. Außerdem lässt sich die tiermedizinische Landschaft nicht wirklich in große Gruppenpraxen auf der einen Seite und kleine Privatpraxen auf der anderen Seite aufteilen. Die Realität ist komplexer und zeigt viele Zwischenvarianten – vom „Einzelkämpfer“ über eine Gruppe lokaler Praxen unter einem einzigen Eigentümer bis hin zu den riesigen Gruppenpraxen.

Wie man ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch führt 

Glückwunsch! Sie sind zu einem Vorstellungsgespräch oder gar zum „Probearbeiten“ in Ihrer Wunschpraxis/Wunschklinik eingeladen worden. Jetzt ist es also an der Zeit, an einer beeindruckenden Selbstdarstellung zu basteln, um Ihren neuen Chef und die anderen Teammitglieder, die beim Gespräch anwesend sein werden, zu beeindrucken und von sich zu überzeugen.

Informieren Sie sich genau über die Praxis/Klinik

Auch wenn Sie sich bereits vor Ihrer Bewerbung eingehend über die Praxis/Klinik erkundigt haben, ist es doch ratsam, noch einmal alle verfügbaren Information über Ihren vielleicht zukünftigen Arbeitsplatz durchzugehen. Nur so werden Sie beim Vorstellungsgespräch alle Daten „frisch“ im Kopf haben! Tabelle 1 fasst zusammen, welche Informationen Sie sich – wenn möglich – schon vor dem Gespräch beschaffen sollten. Solche Hintergrundinformationen sind oft recht einfach über die Webseite oder andere digitale Medien wie Facebook, aber auch Flyer oder Praxisbroschüren zu erhalten. Die Informationen helfen Ihnen, wichtige Mitglieder des Praxispersonals sofort optisch zu identifizieren. Außerdem bekommen Sie ein Gefühl für den „Stil“, in dem die Praxis bzw. Klinik geführt wird. So können Sie Ihre Präsentation entsprechend gestalten und Fähigkeiten hervorheben, die perfekt zu dieser Praxis passen würden.
 
Tabelle 1. Nützliche Hintergrundinformationen zu einer Tierarztpraxis/-klinik.
Mitarbeiter
  • Wer gehört zum Team?
  • Wie heißt wer und welche Aufgaben hat er/sie?
  • Wer ist worauf spezialisiert?
  • Was sind die wichtigsten Verantwortungsbereiche?
Organisation
  • Wie ist das Team strukturiert?
  • Wer ist wofür verantwortlich?
  • Wie viele Hierarchieebenen gibt es?
Image
  • Welches Image hat die Klinik/Praxis?
  • Gibt es eine definierte Aussage zur „Mission“ der Klinik?
  • Wie wird die berufliche Vision der Klinik beschrieben?
  • Wie werden die tierärztlichen Dienstleistungen ausgeführt?
Einrichtungen
  • Welche Dienstleistungen werden angeboten?
  • Wie sind die Räumlichkeiten und wie die Ausstattung?
  • Welche Dienstleistungen werden besonders hervorgehoben und beworben?

 

Überprüfen Sie nochmals Ihre Bewerbungsunterlagen

Bis zu diesem Zeitpunkt waren Ihre Bewerbungsunterlagen nur Papier. Jetzt aber sollten sie so gestaltet sein, dass Sie damit Ihre Stärken hervorheben und sich vor dem Team, das über Ihre Einstellung entscheiden wird, gut verkaufen. Überprüfen Sie Ihre Bewerbung noch einmal unter diesem Aspekt, damit Sie sicher sein können, nichts Wichtiges, also besondere Fähigkeiten oder Spezialwissen, vergessen zu haben. Diese können Ihnen nämlich unter Umständen einen einmaligen, entscheidenden Vorteil verschaffen! Auch wenn Sie in der Bewerbung bereits alle Ihre besonderen Fähigkeiten beschrieben haben, ist jetzt dennoch der ideale Zeitpunkt, dies nochmals durchzulesen, um sicherzustellen, dass Sie Ihre Stärken auch später beim Gespräch richtig präsentieren können. Eine gute Idee ist auch, die wichtigsten Punkte aus Ihrem Lebenslauf nochmals auf einem Zettel oder einer Karte zu notieren, um diese kurz vor dem Bewerbungsgespräch nochmals zu überfliegen. Auch wenn Sie diese kleine Gedächtnishilfe letztendlich nicht brauchen – nur zu wissen, dass sie da ist, wird Sie beruhigen.

Stellen Sie sich selbst ein paar Fragen

Die beste Art und Weise, für eine beeindruckende Selbstpräsentation „in die Spur“ zu kommen, ist, sich folgende Fragen zu stellen und „gewinnende“ Antworten darauf vorzubereiten:
 
  • Warum möchte ich in dieser Klinik/Praxis arbeiten?
  • Warum sollte die Klinik/Praxis gerade mich einstellen?
  • Was qualifiziert mich ganz speziell für diese Stelle?

Diese oder ähnliche Fragen werden oft in Vorstellungsgesprächen gefragt, und es ist gut, richtig darauf vorbereitet zu sein und selbstsicher antworten zu können.

Im Idealfall überlegen Sie sich zu jeder dieser Fragen drei wichtige Punkte. Mehr Informationen würden „verwässern“, daher konzentrieren Sie sich auf drei überzeugende Punkte. Das macht es leichter für Sie und für Ihre Zuhörer.

Testen Sie das geplante Outfit

Nun ist es Zeit zu überlegen, welche Kleidung Sie beim Bewerbungsgespräch tragen werden und wie Sie sich präsentieren wollen. Eine gute Idee ist es, einen „Probeauftritt“ vor Menschen, deren Meinung Sie vertrauen, also Freunden oder Familienmitgliedern, durchzuführen. So erhalten Sie ein ehrliches Feedback über Ihre Wirkung. Wählen Sie ein ordentliches, gepflegtes Outfit, das aber zum Berufsbild des Tierarztes passen sollte. Das heißt, machen Sie sich nicht zu fein, denn das könnte bei Ihren Zuhörern falsch ankommen und den Eindruck erwecken, dass Sie sich mehr Gedanken über Ihr Äußeres als über Ihre Arbeit und Ihre Kunden machen. Gehen Sie bei Ihrem Probeauftritt alle wichtigen Punkte in einem Rollenspiel durch und überpüfen Sie anhand Ihrer kurzen Notizen (siehe oben), ob Sie alles entsprechend angebracht haben oder ob noch etwas fehlt. Dieser Probeauftritt vor vertrauter Zuhörerschaft wird Ihnen ein Gefühl für die Situation vermitteln, in der Sie sich bald befinden werden. Dies gilt umso mehr, wenn es Ihr erstes Vorstellungsgespräch ist. Es wird Sie beruhigen, sodass Sie sich darauf konzentrieren können, einen tollen Eindruck zu hinterlassen. Ein Probeauftritt im finalen Outfit wird Ihnen auch helfen, eventuelle kleine Pannen oder unerwartete Situationen flexibel und mit Humor zu meistern. Solchermaßen vorbereitet können Sie dem Vorstellungsgespräch gefasst entgegensehen! Schließlich wissen Sie nun, dass nicht gleich alles verloren ist, wenn eine Kleinigkeit schief gehen sollte.
 

Der Tag X

Nun, da der Tag des Vorstellungsgesprächs gekommen ist, wollen wir Ihnen noch ein paar letzte Ratschläge mit auf den Weg geben. Stellen Sie sicher, dass Sie die Nacht davor ausreichend Schlaf bekommen. Kalkulieren Sie die Anfahrtszeit zur Klinik/Praxis großzügig und rechnen Sie auch eventuelle Zugverspätungen oder Staus mit ein. Seien Sie pünktlich, aber auch nicht überpünktlich! Das könnte den Eindruck erwecken, dass Sie übereifrig sind, und es könnte das Praxisteam unter Druck setzen, wenn Sie länger in der Praxis herumsitzen, um auf das Gespräch zu warten. Bringen Sie sich selbst in gute Stimmung, voller Selbstvertrauen darauf, dass Sie gut vorbereitet sind und perfekt imstande sind, den Anforderungen des Jobs zu genügen. (Box 2)

 
Box 2
   Interview checkliste

Hintergrundinformation beschafft

Bewerbungsunterlagen überprüft und fertig

Outfit überlegt und vorbereitet

Frisur okay

Auf die Fragen vorbereitet (Antworten und Rückfragen)

Anreise mit ausreichendem Zeitpolster geplant (Fahrkarten bzw. Auto fahrbereit, Tank voll, etc.)

Entspannende Tätigkeiten und ausreichend Schlaf vor dem Vorstellungsgespräch

 

Sollten Sie in der Klinik mehr als ein Gespräch führen müssen, ist es wichtig, auch noch beim letzten Interview Ihre eigenen hohen Ansprüche aufrechtzuerhalten, auch wenn Sie sich in Gedanken vielleicht schon für ein anderes Stellenangebot entschieden haben. Schließlich werden Sie erst ganz zum Schluss die Entscheidung der Klinikleitung erfahren, sodass es wichtig ist, alle Ihre Gespräche mit der gleichen Aufmerksamkeit und positiven Einstellung zu führen (Abbildung 3). Außerdem werden Sie mit jedem Gespräch besser werden und das letzte Interview könnte das wichtigste von allen sein. Vergessen Sie nicht: Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance!

Abbildung 3: Wenn Sie gebeten werden, zu warten, nehmen Sie dies nicht persönlich. In Tierarztpraxen/Kliniken ist in der Regel einfach viel los. Das bedeutet nur, dass Ihre Hilfe gebraucht wird! © Shutterstock

Gute Fragen, die man bei einem Vorstellungsgespräch stellen kann

Einen guten Job zu bekommen, ohne dass man beim Vorstellungsgespräch alles richtig gemacht hat, ist höchst unwahrscheinlich. Wenn man in einem Auswahlverfahren zum persönlichen Gespräch eingeladen wird, dann ist der eigene Lebenslauf in der Regel schon bekannt. Daher gilt das Interesse nicht so sehr den Details der vorangegangenen akademischen oder beruflichen Karriere, sondern vielmehr Ihnen als Person. Man will die Kommunikationsfähigkeit verifizieren, sehen, ob Sie Begeisterung und Vertrauen wecken, ob Ihr Interesse an der angebotenen Stelle echt ist oder ob Sie einfach nur einen Job haben wollen.

Vor diesem Hintergrund hat ein Kandidat, der intelligente und wohl überlegte Fragen stellt, mehr Chancen, sich von den anderen abzuheben.Tabelle 2 enthält einige Fragen, die Sie stellen können, und erklärt, warum diese sich positiv auf das Image des Kandidaten auswirken können.

 
Tabelle 2. Fragen, die der Bewerber stellen kann und die sich positiv auf sein Image auswirken können.
Fragen  Der Wert dieser Fragen
„Ich war auf Ihrer Webseite und war beeindruckt davon, wie viele medizinische Dienstleistungen Sie anbieten. Planen Sie in der nächsten Zukunft zusätzliche, weitere Dienstleistungen?“ Diese Frage zeigt, dass Sie sich auf das Gespräch vorbereitet haben, und dass Sie Interesse für die Praxis/Klinik haben, weil Sie sich bereits deren Webseite angesehen haben. Dies führt das Gespräch auf ein höheres Niveau, weil es Bezug nimmt auf die Dienstleistungen und Strategie der Klinik.
„Was wird in dieser Praxis von einem jungen Tierarzt erwartet?“ Diese Frage zeigt Ihre persönliche Reife und ihre ergebnisorientierte Einstellung.
„Nach welchen Kriterien beurteilen Sie junge Tierärzte und wie beurteilen Sie, ob sie ihre Arbeit zufriedenstellend erledigen?“ Durch diese Frage erhalten Sie die Möglichkeit, ein klares Verständnis dessen zu erzielen, wie Sie selbst bewertet werden und auf welchen Bereich Sie Ihre Leistungsbereitschaft fokussieren sollten.
„Welche Alleinstellungsmerkmale unterscheiden Ihre Praxis von den anderen in dieser Region? Was bieten Sie Kunden an, was andere nicht oder nicht in dieser Weise anbieten?“ Auch diese Frage unterstreicht Ihr globales Verständnis des tierärztlichen Berufs und hilft Ihnen, die Geschäftsstrategie und die Stärken der Klinik/Praxis, bei der Sie hoffentlich bald arbeiten werden, zu verstehen.
„Wurde die Stelle, für die ich mir hier bewerbe, erst kürzlich geschaffen oder wird ein Nachfolger für jemanden, der ausgeschieden ist, gesucht?“ Mit der Antwort auf diese Frage werden Sie den Zusammenhang, in dem Sie angeworben werden, besser verstehen (vermehrtes Arbeitsvolumen, Personalwechsel, etc.). Es zeigt auch Ihr Interesse an der Weiterentwicklung der Praxis/ Klinik als Unternehmen, und zwar über den spezifischen Punkt des Auswahlverfahrens hinaus.
„Wie könnte sich meine berufliche Karriere in den nächsten 2-5 Jahren entwickeln, wenn ich Mitglied Ihres Teams werde?" Diese Frage zeigt die strategische Vision aus dem Blickwinkel eines jungen Tierarztes. Zusätzlich ermöglicht sie Ihnen zu erfahren, ob Ihr zukünftiger Arbeitgeber für seine tierärztlichen Mitarbeiter einen definierten Karriereplan hat.
 

 

Schlussfolgerung

Ob Sie nun letztlich Ihre eigene Praxis haben möchten oder nicht, sollten  Sie als Studienabsolvent zunächst Ihre unmittelbaren Möglichkeiten und Prioritäten analysieren. Am wichtigsten für einen frischgebackenen Tierarzt ist es, gute klinische Erfahrungen zu sammeln und fachliches Know How zu erwerben. Dies bedeutet, Sie müssen einen Job finden, der optimal zu Ihnen passt. Nehmen Sie sich Zeit, um herauszufinden, was wichtig ist, bereiten Sie sich sorgfältig auf Vorstellungsgespräche vor und wägen Sie sämtliche Pros und Contras ab, bevor Sie ein Jobangebot annehmen oder ablehnen.

 
Philippe Baralon

Philippe Baralon

Dr. Baralon schloss sein Studium 1984 an der École Nationale Vétérinaire de Toulouse in Frankreich ab und studierte Wirtschaftswissenschaften Mehr lesen

Antje Blättner

Antje Blättner

Antje Blättner studierte in Berlin und München und eröffnete nach ihrer Approbation 1988 ihre eigene Kleintierpraxis. Mehr lesen

Pere Mercader

Pere Mercader

Dr. Mercader ist seit 2001 als Praxismanagementberater für tierärztliche Praxen und Kliniken in Spanien, Portugal und einigen lateinamerikanischen Ländern tätig Mehr lesen

Mark Moran

Mark Moran

Mark Moran ist seit 19 Jahren als Berater für die Tierärzteschaft tätig und bietet Mentoring und Unterstützung für Inhaber von Tierarztpraxen und deren Mitarbeiter in Schlüsselpositionen. Mehr lesen

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