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Veterinary Focus

Ausgabe nummer 33.2 Endokrinologie

Kontinuierliche Glukosemessung bei Katzen mit Diabetes mellitus

veröffentlicht 30/08/2023

Geschrieben von J. Catharine Scott-Moncrieff

Auch verfügbar auf Français , Italiano , Português , Español , English und ภาษาไทย

Jüngste technologische Fortschritte ermöglichen Tierärzten und Tierärztinnen nun einen einfachen Zugang zur kontinuierlichen Glukosemessung bei diabetischen Katzen.

Sensor

Kernaussagen

Die Beurteilung des Ansprechens einer Katze auf Insulin umfasst eine Evaluierung klinischer Symptome, die Messung der Harn- und Blutglukose und die Bestimmung des Fruktosaminspiegels im Blut.


Zu den Einschränkungen traditioneller Blutglukosekurven gehören die Kosten, die Belastung durch multiple Venenpunktionen und die ausgeprägte Tag-zu-Tag- Variabilität der Glukosewerte.


Die kontinuierliche Glukosemessung ersetzt die traditionelle Blutglukosekurve zur Beurteilung der glykämischen Kontrolle.


Zu den Einschränkungen der kontinuierlichen Glukosemessung gehören Probleme mit dem Verbleib der Sensoren an Ort und Stelle, Sensorenausfälle und Sensorenfehler.


Einleitung

Diabetes mellitus (DM) ist eine häufige Erkrankung bei geriatrischen Katzen 1 Eine erfolgreiche Behandlung erfordert eine sorgfältige Überwachung des Ansprechens auf die Insulinbehandlung, da eine gute glykämische Kontrolle in vielen Fällen zu einer diabetischen Remission führen kann 2,3,4. Die jüngste Einführung von Technologien, für die kontinuierliche Messung der interstitiellen Glukose, hat die Möglichkeiten praktischer Tierärzte und Tierärztinnen zur Überwachung und Verbesserung der glykämischen Kontrolle bei diabetischen Patienten in ganz erheblichem Maße verbessert 5,6,7,8,9.

Diabetes mellitus Typ 2 ist die häufigste Diabetesform bei Katzen und gekennzeichnet durch eine abnorme Insulinsekretion des Pankreas in Kombination mit einer peripheren Insulinresistenz. Die Diagnose erfolgt anhand der klinischen Symptome (Polyurie, Polydipsie, Polyphagie und Gewichtsverlust) und des labordiagnostischen Nachweises einer Hyperglykämie und Glukosurie 2,3. Bei der Spezies Katze wird die Diabetes-Diagnose durch eine Stress-Hyperglykämie zusätzlich erschwert, so dass nicht nur der Nachweis einer persistierenden Hyperglykämie und Glukosurie wichtig ist, sondern auch der differenzialdiagnostische Ausschluss anderer Erkrankungen, die ähnliche klinische Symptome hervorrufen können, wie z. B. eine Hyperthyreose und verschiedene gastrointestinale Erkrankungen. Die Behandlung des felinen DM basiert auf einer Insulintherapie, diätetischen Modifikationen, der Behandlung begleitender Erkrankungen und dem Management des Körpergewichts. Viele Katzen mit Typ-2-Diabetes erreichen eine klinische Remission, wenn die Insulinbehandlung zu einer guten glykämischen Kontrolle führt. Zu den Faktoren, die einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit der Remission haben, gehören der Grad der Pankreaserkrankung, das Vorhandensein einer Insulinresistenz aufgrund von begleitenden Erkrankungen oder Arzneimitteln, Adipositas und die Möglichkeit eine kohlenhydratarme Nahrung zu füttern 10,11. Da ein fortschreitender Verlust pankreatischer Betazellen letztlich zur Entwicklung eines Typ-1-Diabetes führen kann, ist eine gute glykämische Kontrolle der Schlüssel zu einem positiven Outcome.

Insulintherapie

Insulinarten

Es gibt drei Insulinprodukte, die sich für die First-Line-Behandlung von DM bei Katzen eignen (Tabelle 1): Protamin-Zink-Insulin (PZI), Lente-Insulin (porcines Insulin als Insulin-Zink-Suspension) und Glargin-Insulin, ein Insulinanalogon 3. Detemir (ein weiteres Insulinanalogon) kann ebenfalls eingesetzt werden, gilt aber aufgrund seiner Kosten nicht als erste Wahl. NPH-Insulin (neutrales Protamin-Hagedorn) wird aufgrund seiner bei Katzen in der Regel sehr kurzen Wirkdauer nicht empfohlen.

Die Anfangsdosis von Insulin für einen neuen felinen Diabetespatienten beträgt 1-3 Einheiten/Katze (0,25-0,5 Einheiten/kg), wobei die Autorin das untere Ende dieser Dosisspanne empfiehlt. Unabhängig von der gewählten Insulinformulierung führt eine Behandlung mit zwei täglichen Injektionen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu einer guten glykämischen Kontrolle als eine einmal tägliche Therapie. Sind zwei tägliche Injektionen nicht möglich, kann bei einigen Katzen eine wirksame Kontrolle der klinischen Symptome mit einmal täglichen Injektionen von PZI oder Glargin erreicht werden.

Tabelle 1. Zur Anwendung bei Katzen empfohlene Insulinprodukte.

Lente Insulin – 65% kristallin und 35% amorph

PZI-Insulin – Insulin in einem Protamin–Zink-Komplex

Glargin – Insulinanalogon

Detemir – Insulinanalogon

 

Ziele der Insulinbehandlung

Das primäre Ziel der Insulintherapie bei diabetischen Katzen besteht darin, die klinischen Symptome des DM zu kontrollieren und gleichzeitig die Entstehung einer Hypoglykämie zu vermeiden. Ein sekundäres Ziel kann dann das Erreichen einer diabetischen Remission sein. Bei der Erstellung des Plans für die Überwachung der Blutglukose sollten die Lebensumstände und der Alltag des Besitzers oder der Besitzerin, etwaige begleitende Erkrankungen, das Alter des Patienten und nicht zuletzt die Praktikabilität einer engmaschigen Glukoseüberwachung im Einzelfall berücksichtigt werden. Bei Katzen mit strengerer glykämischer Kontrolle ist die Wahrscheinlichkeit einer Remission zwar höher, dabei ist jedoch zu beachten, dass eine hochgradige Hypoglykämie potenziell lebensbedrohlich ist und zu dauerhaften neurologischen Schäden führen kann. Darüber hinaus führt eine insulininduzierte Hypoglykämie auch zur Sekretion von Hormonen, die der Wirkung von Insulin entgegenwirken, wie z. B. Glukagon, Wachstumshormon, Cortisol und Epinephrin, die eine Insulinresistenz induzieren können und dadurch die glykämische Kontrolle verschlechtern.

Idealerweise sollte der Blutglukosespiegel zwischen 80-200 mg/d (4,4-11,1 mmol/l) gehalten werden, die meisten diabetischen Katzen weisen gelegentlich aber Glukosewerte oberhalb dieses Intervalls auf. Klinisch gut eingestellt sind die meisten Katzen jedoch, wenn die Blutglukosekonzentration während des größten Teils des Tages unterhalb von 300 mg/dl (16,7 mmol/l) gehalten wird, da das tubuläre Maximum für die Resorption von Glukose aus der felinen Niere bei etwa 270 mg/dl (15 mmol/l) liegt 12. Dabei muss jedoch berücksichtigt werden, dass eine Beurteilung der Dauer der Insulinwirkung schwierig ist, wenn der Glukose-Nadir im hypoglykämischen Bereich liegt, da die Blutglukosekonzentration durch die Sekretion von gegenregulierenden Hormonen wie Glukagon vorzeitig ansteigt. Die ideale Überwachungsstrategie zur Beurteilung des Ansprechens diabetischer Katzen auf die Insulinbehandlung sollte stets individuell auf den Patienten und den Besitzer oder die Besitzerin abgestimmt werden.

Traditionelle Überwachung diabetischer Patienten

Bis vor kurzem bestanden die primären Überwachungsinstrumente in der tierärztlichen Praxis aus der Beurteilung der klinischen Symptome und des Körpergewichts sowie der seriellen Messung der Blutglukose, der Harnglukose und glykosylierter Proteine.

Klinische Symptome

Das primäre Behandlungsziel bei jeder diabetischen Katze ist die Kontrolle der klinischen Symptome der Erkrankung. Diabetische Katzen mit unzureichender glykämischer Kontrolle zeigen in der Regel persistierende Symptome und einen fortschreitenden Gewichtsverlust, während eine hochgradige Hypoglykämie intermittierende Symptome wie Schwäche, Lethargie und Anfälle hervorrufen kann. Eine geringgradigere Hypoglykämie ist leicht zu übersehen, da sie unter Umständen keine offensichtlichen klinischen Symptome hervorruft, aber dennoch zu einer schlechten glykämischen Kontrolle beiträgt.

Blutglukosekurven

In der tierärztlichen Praxis oder zu Hause erstellte traditionelle Blutglukosekurven sind seit vielen Jahren der Goldstandard für die Beurteilung der glykämischen Kontrolle bei Katzen. Dieses Verfahren hat jedoch zahlreiche Einschränkungen, denn die Methode ist teuer und erfordert die Entnahme multipler Proben, was für den Patienten und den Besitzer oder die Besitzerin mit Stress verbunden ist. Außerdem weisen Blutglukosekurven eine ausgeprägte Tag-zu-Tag-Variabilität auf, selbst wenn sie vom Katzenhalter oder der Katzenhalterin in der gewohnten Umgebung zu Hause erstellt werden (Abbildung 1) 13. Und schließlich kann eine Fehlinterpretation der Ergebnisse auch zu falschen Behandlungsentscheidungen führen.

Messungen der Blutglukose und das Erstellen von Blutglukosekurven können vom Besitzer zu Hause mit einem Point-of-Care-Glukometer und Blutproben aus der Ohrmuschel der Katze durchgeführt werden, diese Methode ist aber alles andere als ideal

Abbildung 1. Messungen der Blutglukose und das Erstellen von Blutglukosekurven können vom Besitzer zu Hause mit einem Point-of-Care-Glukometer und Blutproben aus der Ohrmuschel der Katze durchgeführt werden, diese Methode ist aber alles andere als ideal.
© Shutterstock

Glykosylierte Proteine

Die Messung von glykosylierten Proteinen wie Fructosamin und Hämoglobin A1c (HbA1c) ermöglicht eine Beurteilung der glykämischen Langzeitkontrolle und kann auch bei der Interpretation traditioneller Blutglukosekurven hilfreich sein. Glukose bindet irreversibel an Serumproteine und Hämoglobin. Die dabei entstehenden Produkte persistieren für die Lebensdauer des jeweiligen Proteins und können im Serum oder im Vollblut gemessen werden. Fructosamin ist ein Indikator für eine adäquate glykämische Kontrolle über die vorangegangenen ein bis zwei Wochen, während HbA1c die glykämische Kontrolle über die letzten vier bis sechs Wochen widerspiegelt 14,15,16.

Harnglukose

Die Messung der Glukosekonzentration im Harn kann bei der Beurteilung der glykämischen Kontrolle ebenfalls hilfreich sein und ist insbesondere von Nutzen bei Katzen in Remission sowie zum Nachweis von Diabetes-Rezidiven nach erfolgter Remission. Der Glukosegehalt im Harn sollte zwar nicht zur Bestimmung der täglichen Insulindosis herangezogen werden, Trends der Glukosurie können bei der Beurteilung der glykämischen Kontrolle aber sehr hilfreich sein, insbesondere wenn eine regelmäßige Überwachung und Protokollierung der Harnglukose in einem Tagebuch erfolgt. Der Nachweis von Ketonen im Harn kann auf eine drohende diabetische Ketoazidose hinweisen.

J. Catharine Scott-Moncrieff

Durch die Aufnahme der kontinuierlichen Glukosemessung in den tierärztlichen Werkzeugkasten haben sich die Möglichkeiten zur genauen Überwachung von mit Insulin behandelten diabetischen Katzen verbessert.

J. Catharine Scott-Moncrieff

Kontinuierliche Glukosemessung

Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung, so genannte CGM-Systeme (Continuous Glucose Monitoring), ermöglichen jetzt die kontinuierliche Evaluierung der interstitiellen Glukosekonzentration über einen Zeitraum von bis zu 14 Tagen mit Hilfe eines Sensors mit einem dünnen, biegsamen subkutan platzierten Filament. Durch die Aufnahme der kontinuierlichen Glukosemessung in den tierärztlichen Werkzeugkasten haben sich die Möglichkeiten zur genauen Überwachung von mit Insulin behandelten diabetischen Katzen verbessert. Im Vergleich zu traditionellen Glukosekurven besitzt die kontinuierliche Glukosemessung zudem eine höhere Sensitivität für das Erkennen einer Hypoglykämie. Mit Hilfe dieser Methode kann die Insulindosis in Echtzeit titriert und flexibel an die Unterschiede zwischen dem Tages- und dem Nachtbedarf angepasst werden. Validierungsstudien bei veterinärmedizinischen Patienten haben gezeigt, dass die interstitielle Glukosekonzentration in den meisten Situationen gut mit der Blutglukosekonzentration korreliert. Die derzeit in der Tiermedizin angewendeten CGM-Systeme sind kostengünstig, einfach anzubringen und anzuwenden und werden von den Patienten gut toleriert. Sie ermöglichen eine integrierte Analyse von Veränderungen der interstitiellen Glukose des Patienten über einen Zeitraum von 14 Tagen. Das derzeit am häufigsten verwendete Gerät ist das bei Katzen validierte Modell „Freestyle LibreTM (FSL) 14 day“ zur Bestimmung der interstitiellen Glukose (Abbildung 2). Die Modelle Freestyle LibreTM 2 und Freestyle LibreTM 3 werden ebenfalls bei Katzen eingesetzt, ihre Genauigkeit wurde bislang aber noch nicht vollständig in der Fachliteratur beschrieben. Auf dem Markt gibt es weitere Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung, darunter das Dexcom-CGMTM und das Eversense CGMTM, aber auch diese Systeme wurden bislang noch nicht für die Anwendung bei Katzen evaluiert.

Die wichtigsten Anwendungsgebiete des FSL sind Patienten mit diabetischer Ketoazidose, Patienten mit neu diagnostiziertem DM und instabile diabetische Patienten, bei denen das System kontinuierlich eingesetzt werden kann, bis eine bessere glykämische Kontrolle erreicht ist. Es handelt sich darüber hinaus aber auch um ein sehr nützliches Hilfsmittel für die intermittierende routinemäßige Überwachung stabiler Diabetespatienten.

Inzwischen gibt es auf dem Markt mehrere Geräte zur kontinuierlichen Messung der interstitiellen Glukose

Abbildung 2. Inzwischen gibt es auf dem Markt mehrere Geräte zur kontinuierlichen Messung der interstitiellen Glukose, wie zum Beispiel das für die Anwendung bei Katzen validierte „Freestyle LibreTM 14 day“. Bei veterinärmedizinischen Patienten werden alle diese Geräte ohne Zulassung angewendet.
© Abbott

Genauigkeit des FSL

Mehrere Studien haben die Genauigkeit des „Freestyle LibreTM 14 day“ bei Katzen untersucht 5,6,7,8. In diesen Studien korrelierte die mittels des Sensors gemessene interstitielle Glukose gut mit der peripheren Blutglukose, die mit einem Point-of-Care (POC)-Glukosemessgerät und einem automatischen Biochemie-Analysegerät bestimmt wurde. Die meisten Studien weisen darauf hin, dass der FSL den Blutglukosewert geringfügig unterschätzt, die Evaluierung mit Hilfe einer Error-Grid-Analyse (Fehlerrasteranalyse) zeigt aber eine gute klinische Genauigkeit (Abbildung 3) 5. Zu berücksichtigen ist, dass es zwischen einer Veränderung der Blutglukosekonzentration und der Veränderung der interstitiellen Glukose eine Verzögerung von bis zu 30 Minuten gibt, so dass die Messungen etwas voneinander abweichen können 8. Am deutlichsten ist der Unterschied zwischen den beiden Messungen, wenn sich die Blutglukosekonzentration sehr schnell ändert. Im hypoglykämischen Bereich zeigen die meisten Studien eine geringfügig schlechtere Korrelation zwischen Blutglukose und interstitieller Glukose, was jedoch auf die geringere Anzahl hypoglykämischer Proben in den veröffentlichten Studien sowie auf den Effekt schneller Veränderungen der Blutglukosekonzentration zurückzuführen sein könnte.

Eine Beurteilung des „Freestyle LibreTM 2“ wurde bislang nur in einem einzigen Abstract 17, veröffentlicht, in dem festgestellt wurde, dass dieses Modell die Blutglukosekonzentration im leicht hypoglykämischen und euglykämischen Bereich geringgradig unterschätzt, während es die Werte bei sehr niedrigen Glukosekonzentrationen (< 49 mg/dl / 2,7 mmol/l) überschätzt.

Insgesamt deuten die vorliegenden Studien aber darauf hin, dass die Unterschiede zwischen der interstitiellen Glukose und der Blutglukose bei den meisten diabetischen Katzen keine oder nur geringgradige Auswirkungen auf die klinische Entscheidungsfindung haben und dass der FSL eine für die Überwachung diebetischer Katzen ausreichend hohe Genauigkeit aufweist. Bei Katzen mit diabetischer Ketoazidose (DKA) wurde das Gerät zwar noch nicht evaluiert, in der Klinik der Autorin leistet das FSL bei Katzen dieser Kategorie aber sehr hilfreiche Dienste, und es ist bekannt, dass die Leistungsfähigkeit des Gerätes bei Hunden durch eine Ketose nicht beeinträchtigt wird, wobei aber zu berücksichtigen ist, dass die Genauigkeit bei dehydrierten Tieren geringer ist 18,19. Bei Hunden hat zudem auch die Dicke der Haut einen Einfluss auf die Genauigkeit des Gerätes 20, bei Katzen wurde dieser Aspekt bislang aber noch nicht evaluiert.

Ein Beispiel für eine typische Error-Grid-Analyse (Fehlerrasteranalyse) eines interstitiellen Glukosesensors

Abbildung 3. Ein Beispiel für eine typische Error-Grid-Analyse (Fehlerrasteranalyse) eines interstitiellen Glukosesensors. Die Referenz-Blutglukosekonzentrationen befinden sich auf der x-Achse und sind gegen die interstitielle Glukosemessung aufgetragen; die verschiedenen Regionen zeigen das Ausmaß des Risikos von grün (kein Risiko) bis dunkelrot (hohes Risiko) an.
© Neu gezeichnet von Sandrine Fontègne

Anwendung des FSL

Der Sensor der „Freestyle LibreTM 14 day“ ist ein Einweggerät mit einem Durchmesser von 35 mm und einer Dicke von 5 mm (Abbildung 4), mit dem die interstitielle Glukose mit Hilfe eines über den Sensor gehaltenen Scanners in Echtzeit abgerufen werden kann. Ein spezielles Lesegerät kann käuflich erworben und zum Scannen sequenzieller Sensoren mehrfach verwendet werden, was insbesondere bei hospitalisierten Patienten von Vorteil ist. Alternativ gibt es kostenlose Apps für die meisten Android-Smartphones oder iPhones, mit denen der Sensor gescannt werden kann. Bei beiden Optionen – Lesegerät und App – können die Daten anschließend mit einer kostenlosen Software auf einen Computer oder auf die LibreView-Website hochgeladen werden. Für den „Freestyle LibreTM 14 day“-Sensor können sowohl das Lesegerät als auch die App verwendet werden, sofern das initiale Set-up des Sensors mit dem Lesegerät durchgeführt wurde. Dies gilt nicht für den Sensor des „Freestyle LibreTM 2“, bei dem das Lesegerät und die Smartphone-App nicht wechselnd genutzt werden können. In den Vereinigten Staaten ist der Kauf des Sensors und des Lesegeräts in einer Apotheke rezeptpflichtig, in den meisten anderen Teilen der Welt jedoch nicht.

Nahaufnahmen des „Freestyle Libre™ 14 day“-Sensors

Abbildung 4. Nahaufnahmen des „Freestyle LibreTM 14 day“-Sensors.
© J. Catharine Scott-Moncrieff

Zur Vorbereitung des Anbringens des Sensors wird ein Hautbereich (ca. 5 cm x 5 cm), der etwas größer ist als der Sensor, rasiert und mit einem Alkoholtupfer gereinigt. Der Sensor wird in den Applikator eingelegt (Abbildung 5), und 4-8 Tropfen Gewebekleber werden im Uhrzeigersinn auf die Unterseite der Scheibe aufgetragen. Der Applikator wird dann aufgesetzt, wobei darauf zu achten ist, dass er im rechten Winkel zur Hautoberfläche gehalten wird und knöcherne Vorsprünge vermieden werden. Beim Anbringen des Sensors am Körper wird ein dünnes, biegsames, steriles Filament direkt unter die Haut geschoben, und die Scheibe bleibt an der Hautoberfläche haften. Mit einem Lesegerät oder einem Smartphone wird der Sensor dann gestartet und ist 60 Minuten später einsatzbereit. Für das Anbringen des Sensors kommen zahlreiche Stellen am Körper des Tieres in Frage, am besten geeignet ist in der Regel jedoch die dorsolaterale Brustwand oder der Bereich zwischen den Schultern (Abbildung 6). Wichtig ist das Vermeiden jeglichen Kontakts des Sensors mit Halsbändern oder Geschirren, die am Sensor reiben könnten.

Ein in den Applikator geladener Sensor

Abbildung 5. Ein in den Applikator geladener Sensor, bereit zum Aufbringen auf die Haut.
© J. Catharine Scott-Moncrieff

Beispiel für eine typische Platzierung des Sensors bei einer Katze

Abbildung 6. Beispiel für eine typische Platzierung des Sensors bei einer Katze.
© Shutterstock

Je nach Patient kann der Sensor unbedeckt bleiben oder durch ein Pflaster, ein T-Shirt, einen Kleintierbody oder Ähnliches geschützt werden (Abbildung 7). Eine schützende Abdeckung sollte auf jeden Fall bei aktiven Patienten erfolgen oder wenn die Gefahr besteht, dass weitere im Haushalt lebende Tiere versuchen könnten, den Sensor zu entfernen. Um Daten vom Sensor auf das Lesegerät zu laden, muss die Abdeckung nicht entfernt werden. Obwohl der Sensor wasserdicht ist, wird nicht empfohlen, das Tier zu baden oder schwimmen zu lassen, solange der Sensor angebracht ist. Wenn die Lebensdauer des Sensors abgelaufen ist, kann er leicht entfernt werden, indem man ihn vorsichtig von der Haut abzieht, gegebenenfalls mit Hilfe von Alkohol oder Babyöl zur Entfernung des Klebers.

Der FSL misst die interstitielle Glukose im Minutentakt und speichert diese Daten alle 15 Minuten auf der Sensorscheibe über einen Zeitraum von bis zu 14 Tagen. Der Sensorspeicher kann Daten bis zu 8 Stunden speichern, und jedes Mal, wenn der Sensor gescannt wird, werden die Daten auf das Lesegerät oder das Smartphone übertragen. Der Sensor kann jederzeit gescannt werden, um aber kontinuierliche Messwerte zu erhalten, sollte er mindestens alle 8 Stunden gescannt werden, damit Daten auf dem Sensor nicht überschrieben werden. Die Daten können dann auf einen Computer oder auf die LibreView-Website hochgeladen und jederzeit während der Lebensdauer des Sensors online oder als PDF-Datei angezeigt werden. Auf der LibreView-Website können die Daten mehrerer Patienten in der Cloud gespeichert werden, so dass sowohl der Besitzer oder die Besitzerin als auch das Praxisteam jederzeit darauf zugreifen können. Mit Hilfe der kostenlosen Software kann ein zusammenfassender Bericht erstellt und online eingesehen oder als PDF-Datei heruntergeladen werden.

Der Sensor kann nach dem Anbringen durch einen Kleintierbody oder Ähnliches geschützt werden

Abbildung 7. Der Sensor kann nach dem Anbringen durch einen Kleintierbody oder Ähnliches geschützt werden.
© J. Catharine Scott-Moncrieff

Komplikationen bei der CGM

Obwohl im Allgemeinen eine gute Korrelation zwischen Blutglukose und interstitieller Glukose besteht, können bei der Anwendung des Sensors verschiedene Probleme auftreten. Dazu gehören Fehlermeldungen, Verzögerungen bei der Meldung der gemessenen Glukose, persistierend hohe oder niedrige Messwerte, die nicht mit dem klinischen Bild korrelieren, Lücken in den Daten und schnelle Fluktuationen der gemeldeten interstitiellen Glukose (Abbildung 8). Gelegentlich kann es auch zu einem Totalausfall des Sensors kommen. Ein weiterer zu beachtender Punkt ist, dass das Gerät zwar Glukosekonzentrationen zwischen 40 und 500 mg/dl misst, Glukosekonzentrationen über 350 mg/dl (19,4 mmol/l) in den entsprechenden Diagrammen der Berichte jedoch nicht angezeigt werden. Bestehen Zweifel an der Genauigkeit der Messwerte, sollte die Blutglukose entweder mit einem validierten POC-Glukosemessgerät oder mit einem automatischen Biochemie-Analysegerät überprüft werden. Gelegentlich können auch Komplikationen beim Patienten selbst auftreten, wie zum Beispiel ein Erythem an der Einstichstelle und (selten) eine Abszessbildung. Wenn also bei einem einzelnen Patienten mehrere Sensoren hintereinander angewendet werden sollen, sollte die Anbringstelle gewechselt werden, um zu vermeiden, dass dieselbe Stelle zweimal verwendet wird. Zu beachten ist ferner, dass der FSL die interstitielle Glukose zwar über bis zu 14 Tage messen kann, es bei vielen veterinärmedizinischen Patienten aber zu einer vorzeitigen Ablösung des Sensors kommt. Bei Katzen liegt die durchschnittliche Lebensdauer des Sensors bei etwa acht Tagen.

Indikatoren für einen Sensorfehler sind schnelle Fluktuationen der gemeldeten interstitiellen Glukosewerte

Abbildung 8. Indikatoren für einen Sensorfehler sind schnelle Fluktuationen der gemeldeten interstitiellen Glukosewerte, Verzögerungen bei der Meldung der gemessenen Glukose, persistierend hohe oder niedrige Messwerte, die nicht mit dem klinischen Bild korrelieren, Fehlermeldungen und Lücken in den Daten. Hier zeigt ein Abschnitt der Wochenübersicht schnelle Fluktuationen der Glukosekonzentration ohne Zusammenhang mit der Insulinverabreichung (alle Glukosewerte sind in mg/dl angegeben).
© Neu gezeichnet von Sandrine Fontègne

Interpretation der Daten

Der zusammenfassende FSL-Bericht, der auf der Website des Herstellers oder über eine kostenlos herunterladbare Software eingesehen werden kann, bietet eine Reihe verschiedener Anzeigeoptionen. Das Daily Log (Tagesprotokoll) und die Weekly Summary (Wochenübersicht) zeigen die Messwerte einzelner Tage, während der Glucose Pattern Insights (Glukosemuster) und der Ambulatory Glucose Report (Tagesverlauf) die Daten über die Zeit anzeigen. So lassen sich sowohl die täglichen Schwankungen als auch wöchentliche Trends beurteilen. Anhand der Berichte kann der Tierarzt oder die Tierärztin die Dosierung und die Wirkdauer des Insulins evaluieren und feststellen, ob es Unterschiede im Insulinbedarf während des Tages und in der Nacht gibt. Mit Hilfe dieser Informationen ist auch eine präzise Beurteilung der glykämischen Kontrolle bei Katzen möglich, die nur einmal täglich Insulin erhalten. Ein weiterer großer Vorteil ist die Möglichkeit, die Tag-zu-Tag-Variabilität der Reaktion auf Insulin zu bewerten und die Häufigkeit hypo- und hyperglykämischer Ereignisse zu bestimmen.

Die Interpretation einzelner Muster erfolgt ähnlich wie die Interpretation traditioneller Blutglukosekurven, aber mit der zusätzlichen Möglichkeit einer besseren Beurteilung der Tag-zu-Tag-Variabilität. Der Glukose-Nadir, die Dauer der Insulinwirkung und die durchschnittlichen Glukosewerte können problemlos bestimmt werden. Idealerweise sollte der Glukose-Nadir im Bereich zwischen 80 und 150 mg/dl (4,4 bis 8,3 mmol/l) liegen und die Glukosekonzentration sollte während des größten Teils des Tages unter 300 mg/dl (16,6 mmol/l) bleiben. Probleme, die man bei der Auswertung der FSL-Berichte erkennen kann, sind eine unzureichende Insulindosis, eine unzureichende Dauer der Insulinwirkung (schneller Metabolismus), eine insulininduzierte Hypoglykämie (Abbildung 9) und ein fehlendes Ansprechen auf Insulin, das entweder auf eine schlechte Kundencompliance oder eine Insulinresistenz hindeutet. Auf Basis der Beurteilung der Kurve kann dann je nach Indikation eine Änderung der Insulindosis oder der Insulinformulierung vorgenommen und das Ansprechen bewertet werden, noch während der Sensor an Ort und Stelle sitzt. Da die Glukosewerte in Echtzeit zur Verfügung stehen, kann auch eine klinisch relevante Hypoglykämie unmittelbar erkannt und unverzüglich behandelt werden durch entsprechende Reduzierung der Insulindosierung. Wenn eine Anpassung der Insulindosis auf Basis der FSL-Daten erfolgen soll, ist es wichtig, zwischen den Änderungen jeweils fünf bis sieben Tage zu warten. Da der Sensor eine Lebensdauer von 14 Tagen hat, ist es in der Regel möglich, während dieses Zeitraums zwei Dosisanpassungen vorzunehmen, wobei die Dosis bei Bedarf natürlich auch mehrmals verringert werden kann.

Die Korrelation zwischen FSL und herkömmlichen POC-Glukosemessgeräten ist im Allgemeinen zwar gut, es kann aber zu Ausfällen oder Fehlern des Sensors kommen. Wenn also die FSL-Messungen der interstitiellen Glukose nicht mit dem klinischen Bild des Patienten kompatibel sind, sollte zur Überprüfung die Blutglukose mit einem POC-Glukometer oder einer anderen zuverlässigen Methode bestimmt werden. Hinweise auf einen Ausfall des Sensors sind eine Fehlermeldung, eine Meldung, die darauf hinweist, dass der Sensor zu einem späteren Zeitpunkt erneut gescannt werden sollte, Lücken in den Daten und unerwartet große Schwankungen der Glukosewerte, die nicht zu den klinischen Symptomen passen. Wenn die Ergebnisse des FSL in solchen Situationen nicht mit den Ergebnissen eines POC-Glukometers korrelieren, sollte der Sensor ausgetauscht werden.

Probleme, die mit Hilfe des FSL erkannt werden können, sind eine insulininduzierte Hypoglykämie

Abbildung 9. Probleme, die mit Hilfe des FSL erkannt werden können, sind eine insulininduzierte Hypoglykämie, eine unzureichende Dauer der Insulinwirkung (schneller Metabolismus) und eine ausgeprägte Tag-zu-Tag-Variabilität der Reaktion auf Insulin. Hier zeigt das Tagesprotokoll eine insulininduzierte Hypoglykämie bei einer diabetischen Katze (alle Glukosewerte sind in mg/dl- angegeben).
© Neu gezeichnet von Sandrine Fontègne

Schlussfolgerung

Geräte zur kontinuierlichen Glukosemessung können für die Beurteilung der glykämischen Kontrolle bei diabetischen Katzen sehr hilfreich sein. Um den maximalen Nutzen aus dieser Technologie ziehen zu können, ist ein gutes Verständnis der Funktionsweise des gewählten Sensors (und seiner Grenzen und potenziellen Fehler) erforderlich. Diese Geräte bieten Tierärzten und Tierärztinnen jetzt die Möglichkeit einer genaueren Überwachung diabetischer Patienten und erhöhen damit die Wahrscheinlichkeit einer diabetischen Remission. Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung können heute in den meisten erstbehandelnden tierärztlichen Praxen eingesetzt werden, wann immer dies erforderlich ist.

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J. Catharine Scott-Moncrieff

J. Catharine Scott-Moncrieff

Dr. Scott-Moncrieff schloss ihr Studium 1985 an der University of Cambridge Mehr lesen

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Ausgabe nummer 33.2 veröffentlicht 20/10/2023

Frühe Diagnose der Osteoarthritis bei Katzen

OA bei Katzen wird trotz ihrer hohen Prävalenz nach wie vor unterdiagnostiziert und unterbehandelt. Dieser Artikel erörtert, wie wir die Herausforderungen einer frühzeitigen Diagnose meistern können, um so bessere therapeutischen Interventionen zu ermöglichen.

von Lauren M. Meneghetti und Karen L. Perry