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Veterinary Focus

Ausgabe nummer 32.1 Sonstiges Wissenschaft

Wachstumskurven für Hundewelpen

veröffentlicht 20/04/2022

Geschrieben von Caitlin Grant

Auch verfügbar auf Français , Italiano , Română , Español und English

Wachstumskurven für Kinder sind nichts Neues; im Rahmen jüngster Forschungsarbeiten wurde dieses Konzept jetzt auch für Hunde entwickelt, und heute sind Wachstumskurven für Hunde ein essentieller Bestandteil des tierärztlichen Werkzeugkastens.

Remus wird zu Hause gewogen

Kernaussagen

Das Waltham Centre hat Wachstumskurven für Hunde entwickelt, die tierärztliche Praxen bei der Beurteilung des altersgerechten Wachstums von Hundewelpen unterstützen.


Wachstumskurven können ein integraler Bestandteil von Routineuntersuchungen bei Hundewelpen sein und unterstützen das Sicherstellen der richtigen Ernährung während der Entwicklung.


Zehn Wachstumskurven für Hunde stehen gegenwärtig zur Verfügung, organisiert nach Geschlecht (männlich vs. weiblich) und nach antizipierter adulter Größe.


Generische Wachstumskurven sind für Hunde der Riesenrassen (> 40 kg) nicht geeignet; Tierärzte sollten deshalb für einzelne Hunde dieser Kategorie individuelle Wachstumskurven erstellen.


Einleitung

Sprechstunden mit Hunde- und Katzenwelpen sind das tägliche Brot in der Kleintierpraxis und für alle Beteiligten meist ein Anlass zu großer Freude. Gleichzeitig sind diese Visiten aber auch enorm wichtig, weil es darum geht, einem neuen Hund oder einer neuen Katze den bestmöglichen Start ins Leben zu ermöglichen. Zumindest ein Teil der Welpensprechstunde sollte sich deshalb der Beratung hinsichtlich der am besten geeigneten Ernährung für den Neuankömmling widmen. Bevor wir nun also über Wachstumskurven sprechen, müssen wir analysieren, warum eine Beratung über die Ernährung so wichtig ist, dass sie unbedingt ein integraler Bestandteil dieser ersten Visiten mit Welpen sein muss.

Warum über Ernährung sprechen?

Sozialisation und Habitualisierung

Regelmäßige Visiten in der tierärztlichen Praxis im Abstand von wenigen Wochen zum Wiegen der Tiere sind nicht nur ein hervorragender Weg zur Überwachung des Wachstums, sondern leisten auch einen wichtigen Beitrag zur Sozialisation eines neuen Hundewelpen. Die jungen Tiere können auf diese Weise bereits frühzeitig positive Assoziationen mit der Praxis entwickeln, zum Beispiel wenn sie gelobt werden und Snacks bekommen für eigentlich ganz banale Dinge wie das Wiegen auf der Praxiswaage oder eine kurze klinische Untersuchung zur Beurteilung des Body Condition Scores (BCS).

Häufige Visiten

Neue Hunde- und Katzenwelpen werden im ersten Jahr in der Regel sehr häufig in der Praxis vorgestellt – zum Impfen, für Tests auf Herzwürmer und andere Parasiten oder im Zusammenhang mit der Kastration. All dies sind hervorragende Gelegenheiten, um mit dem Besitzer in Kontakt zu treten, um zu überprüfen, wie gut das neue Familienmitglied wächst und nicht zuletzt um Fragen rund um die Fütterung zu beantworten (Abbildung 1).

Der erste Besuch mit einem neuen Welpen in der tierärztlichen Praxis ist eine hervorragende Gelegenheit, um mit den Besitzern über wichtige Themen wie Fütterung und Gewichtsmanagement zu sprechen

Abbildung 1. Der erste Besuch mit einem neuen Welpen in der tierärztlichen Praxis ist eine hervorragende Gelegenheit, um mit den Besitzern über wichtige Themen wie Fütterung und Gewichtsmanagement zu sprechen.
Credit: Shutterstock

Prävention

Die Association for Pet Obesity Prevention berichtete 2018, dass in den USA nahezu 60 % aller Hunde und Katzen übergewichtig oder adipös waren 1. Gewichtsreduktionsprogramme können aber für alle Beteiligten sehr anstrengend sein. Einige Besitzer müssen erst mühsam überzeugt werden, bevor sie auch nur bereit sind, über das Thema Gewichtsreduktion bei ihrem Hund oder bei ihrer Katze zu sprechen. Und das Erreichen eines idealen Body Condition Scores bei einem Tier, das vielleicht 15 oder 20 % (oder sogar mehr) zu viel Körperfett aufweist, kann sehr viel Zeit und Geduld erfordern. Mitarbeiter tierärztlicher Praxen müssen deshalb in der Lage sein, diese schwierigen Gespräche professionell und zugleich auf einfühlsame Weise zu führen und entsprechende Gewichtsreduktionsprogramme einzuleiten. Ein weiterer Ansatz zur Bekämpfung der Adipositasepidemie bei Kleintieren ist aber die Prävention. Und welche Zeit ist besser geeignet für die Prävention von Adipositas als die Phase, in der das Tier noch jung und gesund ist? Wenn das Praxisteam in der Lage ist, in diesem Stadium über die Risiken der Adipositas zu sprechen und engagierten Besitzern entsprechende Werkzeuge und Hilfsmittel zur Verfügung stellt, mit deren Hilfe sie eine übermäßige Gewichtszunahme bei ihrem neuen Haustier verhindern, so kann dies dazu führen, dass wir die Anzahl der Tiere, die übergewichtig oder adipös werden, langfristig reduzieren. Wenn frisch gebackene Halter junger Tiere gut informiert sind über ganz grundlegende Aspekte wie die ideale Gewichtszunahme, das Body Condition Scoring, die Kontrolle der Tagesrationen und „smarte“ Snacks, werden sie später auch sehr viel empfänglicher sein für frühzeitige Empfehlungen, falls ihr Tier trotz präventiver Bemühungen tatsächlich beginnen sollte, zu viel an Gewicht zuzulegen.

Beratung durch Experten

Besitzer wünschen sich ausdrücklich, mit ihrem Tierarzt über die Ernährung ihres Hundes oder ihrer Katze zu sprechen. Wenn diese beratenden Gespräche bereits frühzeitig im Leben eines Tieres geführt werden, so demonstriert dies eine proaktive Herangehensweise an diese Thematik und vermittelt dem Besitzer letztlich die klare Botschaft, dass die tierärztliche Praxis die beste Quelle für valide Informationen zur Ernährung von Hund und Katze ist. Wenn es uns gelingt, dieses Bild in Sachen Ernährungskompetenz zu vermitteln, werden Welpenbesitzer etwaige Ernährungs- und Fütterungsempfehlungen vom Züchter, von Freunden, von Mitarbeitern in Zoohandlungen oder anderen gutmeinenden Personen im Idealfall zunächst mit ihrem Tierarzt besprechen, bevor sie diese praktisch umsetzen.

Interesse und Lernbereitschaft des Besitzers 

Es gibt gute Gründe dafür, warum alle Beteiligten die tierärztlichen Visiten mit Hunde- oder Katzenwelpen lieben – ganz abgesehen von der Gelegenheit, einen gesunden und liebenswerten neuen kleinen Patienten zu knuddeln. Die frisch gebackenen Welpenbesitzer sind dabei meist genauso begeistert wie die Praxismitarbeiter und freuen sich oft darauf ihr süßes neues Familienmitglied vorstellen zu dürfen. Diese Besitzer sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auch fest entschlossen, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um ihr Tier bei bester Gesundheit zu halten. Und oft sind sie auch hoch motiviert für Beratungsgespräche, in denen sie erfahren, wie sie für die bestmögliche Ernährung und Fütterung ihres Lieblings sorgen können. Auf Besitzer kranker Tiere mögen Empfehlungen wie das Abwiegen der Tagesrationen mit einer grammgenauen Waage oder das Vermeiden kalorienreicher Snacks zunächst eher abschreckend wirken, da sie unter Umständen bereits von den zahlreichen anderen Behandlungsempfehlungen überfordert sind, so dass das Thema Ernährung in diesem Kontext letztlich möglicherweise nur eine geringe Aufmerksamkeit genießt. Gerade frisch gebackene Welpenbesitzer können aber durchaus sehr aufgeschlossen sein für diese Arten von Empfehlungen, und wenn sie entsprechende Verhaltensweisen in Sachen Fütterung bereits sehr früh erlernen und verinnerlichen, kann es letztlich viel einfacher sein, diese auch über das gesamte Leben des Tieres beizubehalten. Studien zur Untersuchung der Kommunikation mit Kunden in der tierärztlichen Praxis fanden zudem heraus, dass Tierbesitzer eine Partnerschaft mit ihrem Tierarzt wünschen 2. Durch das frühzeitige Sprechen über das Thema Ernährung können wir diese Partnerschaft mit unseren Kunden aufbauen und somit letztlich eine stärkere Tierarzt-Kunden-Bindung schaffen.

Vor diesem Hintergrund ist es nun an der Zeit, sich mit einem spannenden Hilfsmittel zu beschäftigen, über das jede tierärztliche Praxis in ihrem Arsenal zum Thema Ernährung verfügen sollte – Wachstumskurven.

Was sind Wachstumskurven?

Insbesondere Tierhaltern mit eigenen Kindern dürften Wachstumskurven durchaus vertraut sein, da sie in der humanen Pädiatrie ein übliches Werkzeug sind, um das Wachstum und die Entwicklung von Babys und Kindern zu überwachen. Es handelt sich um Perzentilkurven, die die Streuung einer statistischen Verteilung anzeigen und dabei Parameter wie Körpergröße, Körpergewicht, Body Mass Index (BMI) und Alter berücksichtigen 3. In der Humanmedizin werden Wachstumskurven bereits seit 1977 eingesetzt, um zu beurteilen, ob das Körperwachstum eines Kindes normal oder abweichend verläuft. Nach ähnlichem Prinzip wurden Wachstumskurven nun auch für Hunde am Waltham Centre entwickelt, einer Einrichtung für Wissenschaft und Forschung im Besitz von Mars Petcare 4. Entwickelt wurden die Wachstumskurven auf der Grundlage von Daten zehntausender gesunder Hunde und unterstützen heute praktische Tierärzte bei der Beurteilung, ob sich das Wachstum eines Hundewelpen auf dem für sein Alter angemessenen Weg befindet.

Ein wichtiger Faktor, der bei der Entwicklung der Wachstumskurven für Hundewelpen berücksichtigt werden musste, ist die enorme morphologische Vielfalt der unterschiedlichen Hunderassen, die dazu führt, dass nicht alle diese Größen in einer einzigen standardisierten Wachstumskurve dargestellt werden können. Aus diesem Grund gibt es heute zehn unterschiedliche Wachstumskurven für Hunde – organisiert nach Geschlecht (männlich vs. weiblich) und nach der geschätzten adulten Körpergröße, das heißt, nach dem antizipierten adulten Körpergewicht (< 6,5 kg, 6,5-9 kg, 9-15 kg, 15-30 kg und 30-40 kg) 5.

Welche Informationen sind erforderlich?

Um eine Wachstumskurve bei einem Hundewelpen anzuwenden, werden folgende Informationen benötigt:

  • Geschlecht des Welpen – Es gibt unterschiedliche Kurven für männliche und weibliche Welpen
  • Antizipiertes adultes Gewicht des Welpen; dieses wird entweder anhand des Körpergewichts der Eltern geschätzt (unter der Voraussetzung, dass beide Eltern eine ideale Body Condition aufweisen) oder anhand des Rassestandards
  • Alter des Welpen in Wochen
  • Körpergewicht des Welpen in Kilogramm

Sobald alle diese Daten vorliegen, kann die passende Wachstumskurve ausgedruckt werden, und das Gewicht und das Alter des Welpen werden graphisch dargestellt. PDF-Dateien aller zehn verfügbaren Wachstumskurven stehen hier zum Download bereit: https://www.waltham.com/resources/puppy-growth-charts.

Caitlin Grant

Wachstumskurven wurden auf der Grundlage von Daten zehntausender gesunder Hunde entwickelt und unterstützen heute praktische Tierärzte bei der Beurteilung, ob sich das Wachstum eines Hundewelpen auf dem für sein Alter angemessenen Weg befindet.

Caitlin Grant

Wie oft sollte gemessen werden?

Um die Daten so genau wie möglich zu interpretieren, sind häufige Messungen erforderlich, insbesondere im frühen Lebensabschnitt des Welpen. Dadurch lässt sich bestimmen, mit welcher Perzentilkurve der Welpe in den ersten Lebensmonaten startet, so dass man eine bessere Vorstellung davon bekommt, wo das Zielgewicht in jedem gegebenen Alter liegen sollte. Hundewelpen sollten mindestens alle zwei Wochen gewogen werden, am besten jedoch wöchentlich. Dabei muss sichergestellt sein, dass das Wiegen immer zur selben Zeit des Tages stattfindet, da der Zeitpunkt der letzten Mahlzeit, die Darmmotorik und der Hydratationsstatus zu Fluktuationen des Körpergewichts im Verlauf des Tages führen können.

Da wöchentliche Besuche in der tierärztlichen Praxis zum Wiegen des Welpen für einige vielbeschäftigte oder in weiterer Entfernung wohnende Besitzer nicht immer möglich sind, können auch folgende Optionen für das Wiegen zu Hause in Betracht gezogen werden:

  • Personenwaagen: Wenn der Besitzer in der Lage ist, den Welpen sicher hochzuheben, kann er sich mit dem Hund wiegen und sein eigenes Körpergewicht anschließend subtrahieren.
  • Gepäckwaagen: Kleine Hundewelpen können in einer Transportbox mit einer Gepäckwaage gewogen werden – auch hier muss anschließend das Gewicht der Box subtrahiert werden.
  • Kleintierwaagen: können online gekauft werden, wobei der Preis von der Größe der Waage abhängt. 

Auch wenn der Besitzer in der Lage ist, seinen Welpen wöchentlich zuverlässig zu Hause zu wiegen, sollte das Tier alle vier Wochen zur Untersuchung in der Praxis vorgestellt werden (fällt oft mit den Terminen für die Auffrischungsimpfungen zusammen), damit das gesunde Wachstum des Welpen tierärztlich bestätigt und eine zuverlässige Bestimmung des BCS durchgeführt werden kann.

Praktische Anwendung der Wachstumskurve

Sobald eine Wachstumskurve für einen Patienten erstellt wurde, ist es wichtig, diese auch korrekt anzuwenden! Sobald die Perzentilkurve, der das Wachstum des Welpen folgen soll, bestimmt ist, lässt die Kurve eine relativ genaue Vorhersage der zu erwartenden Wachstumsrate zu. Eine jüngste Studie verglich die Daten der Wachstumskurven von gesunden Hunden und Hunden mit abnormer Body Condition 6 und stellte fest, dass eine Abweichung von der ursprünglichen Perzentillinie bei gesunden Hunden sehr selten vorkam, während Hunde, die im Alter von drei Jahren adipös waren, ein schnelleres Wachstum gezeigt hatten und während ihrer Wachstumsperiode in der Mehrzahl der Fälle zwei oder mehr Perzentillinien überquert hatten. Eine Wachstumskurve wird also eingesetzt, um zu überprüfen, dass ein Hundewelpe gemäß des Verlaufs der Perzentilkurve wächst, mit der begonnen wurde, das heißt, ein Überqueren von Perzentillinien sollte vermieden werden. Wenn sich ein Welpe einer Linie oberhalb seiner vorbestimmten Kurve nähert, bedeutet dies, dass er zu schnell wächst, und die Energiezufuhr reduziert werden sollte. Nähert er sich dagegen einer Linie unterhalb seiner Kurve, wächst er zu langsam, und die Energieaufnahme sollte erhöht werden.

Auf was sollte bei den Überprüfungen des Gewichts zusätzlich geachtet werden?

Das regelmäßige Wiegen in der Praxis umfasst nicht allein das Positionieren des Tieres auf der Waage und das Eintragen des aktuellen Gewichts in die Wachstumskurve. Vielmehr sollte das Praxisteam diese Gelegenheit nutzen, um einige weitere wichtige Aspekte anzusprechen bzw. zu überprüfen:

  • Fütterungsanamnese: Fragen Sie, welches Futter der Welpe bekommt und wie viel er frisst. Die Besitzer könnten das Futter nach der letzten Visite gewechselt oder die Tagesrationen selbständig verändert haben.
  • BCS: Das Body Condition Scoring ist für Hundewelpen zwar noch nicht validiert, es kann aber in Verbindung mit dem Körpergewicht und der Wachstumskurve dennoch hilfreich sein, um näher zu bestimmen, ob der Welpe über- oder untergewichtig ist. Zudem kann das Bestimmen des BCS dazu beitragen, dass sich der Welpe an diese Art von Untersuchungen gewöhnt, und der Besitzer kann dadurch motiviert werden, den BCS auch regelmäßig zu Hause zu messen.
  • Aktivität: Stellen Sie Fragen zur körperlichen Aktivität des Welpen – hat er zum Beispiel inzwischen mit Welpenkursen begonnen oder sind die Spaziergänge jetzt länger? Eine Steigerung der körperlichen Aktivität kann eine Erhöhung der Energiezufuhr erforderlich machen.

Grenzen von Wachstumskurven

  • Hunde der Riesenrassen (mit einem adulten Körpergewicht über 40 kg): Die gegenwärtig verfügbaren Wachstumskurven enden bei einem Körpergewicht von 40 kg, da Forscher festgestellt haben, dass sehr große Hunde unterschiedliche rassebedingte Wachstumsmuster aufweisen, die das Erstellen von Standardkurven verhindern 5. Aber auch bei einem Patienten einer Riesenrasse kann der Tierarzt zweifellos den oben angeführten Empfehlungen folgen, für die aussagekräftige Verfolgung der Entwicklung von Körpergewicht und Alter sollte aber eine individuelle Kurve speziell für diesen Hund erstellt werden. Dies ermöglicht eine individuelle Überwachung des Wachstumsmusters, und die Energieaufnahme kann entsprechend flexibel angepasst werden, wenn ein hoher Anstieg des Körpergewichts beobachtet wird oder wenn das Tier weniger an Gewicht zulegt, als erwartet.
  • Mischlingshunde: Wachstumskurven können auch bei Mischlingen angewendet werden, die Herausforderung besteht hier allerdings in der Problematik der Festlegung des adulten Zielgewichts eines Welpen, wenn die Rassenzusammensetzung unklar ist. Die Autorin empfiehlt in diesen Fällen, so gut wie möglich zu schätzen und dann mit Hilfe der ersten aufgezeichneten Gewichte zu entscheiden, wo in etwa der Welpe in einer Wachstumskurve anzusiedeln ist. Eine weitere Option ist die Empfehlung eines genetischen Tests, wenn der Besitzer die genaue Rassenzusammensetzung seines Welpen wissen möchte.
  • Katzen: Veröffentlichte Wachstumskurven für Katzen gibt es derzeit nicht, aber wie bei Hunden der Riesenrassen besteht auch hier die Möglichkeit, eine individuelle Kurve für einen Patienten unter Verwendung seiner individuellen Daten und unter Beachtung der oben genannten Richtlinien zu erstellen.

Fallbeispiel – Remus

Remus ist ein männlicher Schäferhund-Collie-Mischlingswelpe (Abbildung 2), der von seinem neuen Besitzer aus dem Tierheim geholt und zunächst mit einem kommerziellen Welpenfutter für Deutsche Schäferhunde gefüttert wurde. Remus’ Körpergewicht wurde bei seiner ersten Visite in der Praxis im Alter von 10 Wochen aufgezeichnet, und der Besitzer verfügte über das noch im Tierheim bestimmte Gewicht des Hundes im Alter von 8 Wochen. Da es sich um einen Mischlingshund handelt, war die Bestimmung des adulten Körpergewichts schwierig. Gewählt wurde schließlich die Wachstumskurve für Hunde von 30-40 kg, da diese am besten zu diesem Hund passte.

Remus im Alter von 12 Wochen

Abbildung 2. Remus im Alter von 12 Wochen. 
Credit: Bridget Grant

Remus’ Gewicht im Alter von 10 Wochen betrug 6 kg und wurde entsprechend in die Wachstumskurve eingetragen. Der Besitzer fütterte den Welpen mit Royal Canin Large Puppy Trockennahrung, einer kommerziellen Nahrung für Hundewelpen. Diese Nahrung liefert 366,7 kcal pro 100 Gramm oder 352 kcal pro Messbecher. Remus’ Energiebedarf wurde auf 805 Kilokalorien pro Tag geschätzt (RER multipliziert mit einem DER-Faktor von 3, da er jünger als 4 Monate war *) 7 (für Welpen über 4 Monaten wird typischerweise 2x RER angewendet, während kastrierte adulte Hunde in der Regel 1,4-1,6 x RER benötigen, wobei dieser Wert je nach körperlicher Aktivität höher oder niedriger liegen kann). Für Remus wurde schließlich eine Tagesration von 2 ¼ Messbechern (792 Kilokalorien) verordnet.

* RER = resting energy requirement (Ruheenergiebedarf); DER = daily energy requirement (Täglicher Energiebedarf)

Die ersten Körpergewichte von Remus im Alter von 10 Wochen

Abbildung 3. Die ersten Körpergewichte von Remus im Alter von 10 Wochen (roter Punkt), 14 Wochen (blauer Punkt) und 18 Wochen (gelber Punkt) wurden in die Wachstumskurve eingetragen und zeigen, dass die Gewichtsentwicklung auf dem 50. Zentil liegt.
Credit: WCPN

Im Alter von 14 Wochen wog Remus 12 kg und mit 18 Wochen 16 kg (Abbildung 3), was dem Trend des 50. Perzentils entspricht. Seine Tagesration wurde im Alter von 18 Wochen auf 3 ¼ Messbecher (1144 Kilokalorien) erhöht, und im Alter von sechs Monaten wurde Remus erneut in der Praxis vorgestellt für einen Herzwurmtest und zum Wiegen für die präventive orale Medikation. Zu diesem Zeitpunkt wog der Hund 25 kg und lag damit geringgradig oberhalb seiner vorhergesagten Wachstumskurve (Abbildung 4). Seine aktuelle Tagesration lag bei 4 ½ Messbechern (1584 Kilokalorien), und es wurde eine Reduzierung der Energieaufnahme um 10 % empfohlen (d. h., 389 Gramm (1426 Kilokalorien)). Die Besitzerin wurde zudem angewiesen, die Nahrung ab jetzt auf einer grammgenauen Waage abzuwiegen, um eine höhere Genauigkeit der Tagesrationen zu erreichen 8. Da die Besitzerin befürchtete, dass Remus aufgrund des Absenkens seiner Tagesration nach Futter betteln könnte, begann sie, ihn mit Hilfe eines Puzzle-Feeders zu füttern (Abbildung 5).

Im Alter von 26 Wochen hatte Remus ein Körpergewicht von 25 kg

Abbildung 4. Im Alter von 26 Wochen hatte Remus ein Körpergewicht von 25 kg, das nach dem Eintrag in die Wachstumskurve zeigte, dass der Hund geringfügig oberhalb des 50. Zentils lag (grüner Punkt).
Credit: WCPN

Ein Puzzle-Feeder wurde eingeführt, um sicherzustellen, dass Remus seine reduzierten Rationen langsam aufnahm

Abbildung 5. Ein Puzzle-Feeder wurde eingeführt, um sicherzustellen, dass Remus seine reduzierten Rationen langsam aufnahm. 
Credit: Bridget Grant

Im weiteren Verlauf kam Remus im Alter von 28 Wochen und im Alter von 30 Wochen zur Untersuchung in die Praxis. Mit 28 Wochen wog er 26 kg, und da sich das Gewicht damit der vorgesehenen Kurve tendenziell wieder annäherte (Abbildung 6), blieb die Tagesration unverändert. Im Alter von 30 Wochen war sein Gewicht mit 27 kg wieder auf die 50er Perzentilkurve zurückgekehrt. Remus’ Besitzerin entschied, eine Kleintierwaage für zu Hause anzuschaffen, damit sie ihren Hund häufiger wiegen und die Tagesrationen entsprechend nach unten oder nach oben anpassen konnte (Abbildung 7). An seinem ersten Geburtstag betrug Remus’ Gewicht 32 kg und lag damit gemäß der Wachstumskurve exakt dort, wo es laut Vorhersage final liegen sollte!

Remus war im Alter von 28 Wochen fast auf das 50

Abbildung 6. Remus war im Alter von 28 Wochen fast auf das 50. Zentil zurückgekehrt (Gewicht 26 kg – violetter Punkt), und wog zwei Wochen später 27 kg (rosafarbener Punkt). Mit einem Jahr wog Remus 32 kg (schwarzer Punkt) und hatte damit das durch die Wachstumskurve vorhergesagte Idealgewicht erreicht.
Credit: WCPN

Remus wird zu Hause gewogen

Abbildung 7. Remus wird zu Hause gewogen. 
Credit: Caitlin Grant

Schlussfolgerung

Letztlich ist es unser Ziel als Tierärzte, unsere Kunden zu erfolgreichen Tierhaltern zu machen, und der beste Zeitpunkt, um damit zu beginnen, liegt zweifellos im frühen Welpenalter. Beratungsgespräche über das Thema Ernährung, die Unterstützung bei der Auswahl der richtigen Nahrung und Tipps für die richtige Rationskontrolle liegen dabei in der Verantwortung des Praxisteams, ebenso wie die Überwachung von Körpergewicht und Body Condition sowie Empfehlungen zur Anwendung kalorienarmer Snacks und einer grammgenauen Waage für das Abwiegen der Tagesrationen. Die Einführung aller dieser Maßnahmen bereits in einem sehr frühen Stadium unterstützt die Besitzer dabei, ihrem Tier ein gesundes, langes und glückliches Leben zu sichern.

Literatur

  1. Association for Pet Obesity Prevention. https://petobesityprevention.org/ Accessed October 8, 2021.

  2. Janke N, Coe JB, Bernardo TM, et al. Pet owners’ and veterinarians’ perceptions of information exchange and clinical decision-making in companion animal practice. PLOS One 2021;16(2)

  3. Centers for Disease Control and Prevention. Growth charts – 2000 CDC Growth Charts – United States 2016. www.cdc.gov/growthcharts/cdc_charts.htm Accessed October 8, 2021

  4. Puppy growth charts | Waltham Petcare Science Institute. www.waltham.com/resources/puppy-growth-charts Accessed October 8, 2021.

  5. Salt C, Morris PJ, German AJ, et al. Growth standard charts for monitoring bodyweight in dogs of different sizes. PLOS One 2017;12(9).

  6. Salt C, Morris PJ, Butterwick RF, et al. Comparison of growth patterns in healthy dogs and dogs in abnormal body condition using growth standards. PLOS One 2020;(15)9.

  7. Thatcher CD, Hand MS, Remillard RL. Small Animal Clinical Nutrition: An Iterative Process. In: Hand M, Thatcher C, Remillard R, et al (eds). Small Animal Clinical Nutrition. 5th ed. Topeka, Kansas: Mark Morris Institute; 2010:3-21.

  8. Coe JB, Rankovic A, Edwards TR, et al. Dog owner’s accuracy measuring different volumes of dry dog food using three different measuring devices. Vet. Rec. 2019;185(19):599.

Caitlin Grant

Caitlin Grant

Dr. Grant schloss ihr Tiermedizinstudium 2014 am Ontario Veterinary College (OVC) in Kanada mit Auszeichnung ab, und startete ihre berufliche Laufbahn als Tierärztin in einer privaten Gemischtpraxis Mehr lesen

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